Neapel, im März

Abseits vom beängstigenden Touristenstrom, der sich immer stürmischer über die Alpen nach Italien ergießt, abseits vom lärmenden Vergnügungsrummel, der den sonnehungrigen Feriengästen aus dem Norden gratis dazugeliefert wird, gibt es im südlichen Teil des Tyrrhenischen Meeres noch ein wahres Paradies: die Äolischen Inseln, Sie sind ein Refugium für jeden, der sich wirklich erholen will. Ich hab’s probiert.

Diese bezaubernden, Inseln zu erreichen, ist freilich nicht ganz einfach. Das ist gut so; sie würden sonst rasch an Reiz verlieren. Von Neapel, wo man den eigenen Wagen zurücklassen muß, sind es mit dem Schiff sechzehn Stunden Fahrt zur Hauptinsel Lipari. Die Inselgruppe gehört zur Provinz Messina; man kann sie auch von dort oder vom ebenfalls sizilianischen Hafen Milazzo aus erreichen.

An Besonderem bietet der Archipel tiefblaues und kristallklares Meer, viele verschwiegene, mit feinem, oft ebenholzschwarzem Sand bedeckte Buchten, aber auch Einschnitte wie Fjorde, dazu prickelnde Hochseeluft und von Mai bis September fast immer warmes, sonniges Wetter. Ein Dorado, speziell für Sporttaucher.

Als Hauptquartier empfehle ich die Insel Salina. Sie ist das am wenigsten von moderner Hast berührte Eiland. So unverfälscht naturhaft muß Capri vor fünfzig Jahren gewesen, sein. Von Neapel kommend, muß man in Lipari umsteigen. Täglich wird Salina von einem kleinen Dampfer angelaufen.

In den malerischen Schlupfwinkeln an den Küsten von Salina kann man selbst bei rauher See ungefährdet schwimmen. Man braucht sich nur eine Bucht auszusuchen, die gerade im Windschatten liegt. Die Entfernungen sind nicht groß: Salina ist nur fünf Kilometer breit. Auf ihr erheben sich die höchsten Berge des Archipels, alles erloschene Vulkane. Ganz sind die geheimnisvollen Kräfte in der Tiefe jedoch nicht zur Ruhe gekommen. An einigen Stellen bringen unterseeische Fumarolen das Meereswasser in Küstennähe zum Kochen.

Die Inselgruppe hat eine mehr als dreitausendjährige Geschichte. Der Legende nach machte Äolus, der Gott der Winde, den Archipel im Trojanischen Krieg zu seinem Reich. Zur Jungsteinzeit fanden Einwanderer aus Nordafrika auf ihren Inseln das hochbegehrte vulkanische Glas (Obsidian), ein sehr hartes Material, aus dem sich schärfere Schneiden schlagen und schleifen ließen als aus anderem Gestein. Aus Obsidian würden Pfeilspitzen, Messer und andere Geräte hergestellt und nach Mykene und Kreta exportiert. Im Austausch erwarb man kunstvolle minoische Vasen.