Spontane oder organisierte Demonstrationen des Publikums sind zwar bisher wider Erwarten ausgeblieben; schwer zu sagen, ob das Schweigen, in dem es nach den sechs Bildern des „Stellvertreters“ von Rolf Hochhuth das Berliner Theater am Kurfürstendamm verläßt, ein Schweigen der Erschütterung, der feindseligen Abwehr oder der Gleichgültigkeit ist. Dennoch hat dieses Schauspiel um die Frage, ob eine entschiedenere Haltung des Vatikans das Los der Juden in den Jahren der Verfolgung erleichtert hätte, vehementere Reaktionen ausgelöst als irgendein anderes Drama dieser letzten Jahre. In einer inzwischen unübersehbar gewordenen Zahl von Stellungnahmen und offiziellen Erklärungen erörterte die Presse das Für und Wider, und auch jenseits der deutschen Grenzen wurde die Berliner Aufführung ungewöhnlicherweise sogleich vermerkt; „Newsweek“ sprach von „Westberlins sensationellstem Stück“, und die amerikanische Illustrierte „Life“ widmete dem „Drama, das Deutschland aufwühlt“, eine sechsseitige Bildreportage, in der es gar „das strittigste europäische Stück einer Generation“ genannt wird. All das besagt noch wenig über die Qualität und die Überzeugungskraft des Textes, aber es zeigt deutlich, daß der junge Dramatiker Hochhuth mit seinem Erstling einen Nerv der Zeit getroffen hat. Unter diesen Umständen möchten wir es nicht bei der Rezension bewenden lassen, die unser Theaterkritiker Johannes Jacobi vor zwei Wochen an dieser Stelle veröffentlichte. Ein Jesuitenpater und drei Schriftsteller beleuchten im folgenden die Problematik des „Stellvertreters“ aus verschiedenen Gesichtspunkten, und um das Bild abzurunden, drucken wir auch die von der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) bereits verbreitete Erklärung des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Karl Fürst zu Löwenstein. Der Leser möge sich sein eigenes Urteil bilden.