Von François Bondy

Mein Eindruck: Es bereitet sich da für Harich vielleicht eine günstige Wendung vor. Es ist unsere Erfahrung, daß man in solchen Situationen eine prestige-empfindliche Behörde nicht durch mehr Drängen, mehr Publizität, mehr Lärm noch einmal vergrämen darf.“ So schrieb Robert Neumann vor zwei Wochen in seinem ZEIT-Artikel „Auf den Spuren Wolfgang Harichs“.

Man versteht, daß Robert Neumann seine Schlußfolgerungen aus dieser Ansicht „nicht ohne Zögern, nicht ohne genaues Nachdenken“ vorbringt. Es mag daher erlaubt sein, zu bedenken, daß zum Problem, was in Ländern mit freier öffentlicher Meinung für politische Häftlinge in Ländern ohne Freiheit geschehen soll und kann, andere, und zwar genau entgegengesetzte Erfahrungen vorliegen.

Einer der wenigen politischen Gefangenen Stalins, der amnestiert wurde und ins Ausland reisen durfte, obwohl er sich politisch in der Tat oppositionell engagiert hatte, war vor dem Krieg der Schriftsteller Victor Serge. Seine Freilassung war ausschließlich der unermüdlichen Kampagne vieler Schriftsteller – namentlich André Gide zu danken. Die unaufhörliche Frage nach dem Schicksal Victor Serges ließ die Machthaber in Moskau spüren, daß sie im Begriff waren, weite intellektuelle Kreise zu „vergrämen“. Das war ihnen peinlich – und Victor Serge wurde freigelassen.

In jüngster Zeit, also ein Vierteljahrhundert später, haben wir die Erfahrung gemacht, wie eine starke, unaufhörliche Protestwelle zur Freilassung der Schriftsteller Tibor Dery und Julius Hay beigetragen hat. Dieser weltweite Protest, in Paris koordiniert vom Schriftsteller Louis de Villefosse, mag die ungarischen Behörden „vergrämt“ haben; aber sie haben ihrem Gram dadurch ein Ende bereitet, daß sie diesen Schriftstellern die Amnestie gewährten. Dery wird demnächst zum Besuch in die Bundesrepublik und nach Frankreich reisen und dann nach Budapest zurückkehren.

Man möge bedenken, was zu dieser Frage ein Kronzeuge schreibt: Paul Ignotus, ungarischer Linkssozialist, sieben Jahre in den Kerkern Rakosis und seiner Nachfolger, wo er gefoltert und zu falschen Geständnissen gezwungen wurde wie Hunderte anderer. In seinem Bericht über diese Jahre, der durch seine gelassene Weisheit und seinen Humor ein großartiges menschliches Dokument ist (Political Prisoner; Routledge & Kegan Paul, London) lesen wir, was es ihm bedeutet hat, zu erfahren, daß seine Freunde sich für ihn regten. Es trug ihm, so schreibt er, neue Verhöre ein „über meine Kontakte mit dem amerikanischen Agenten Thomas Mann und der Spionageorganisation, die den Decknamen PEN-Club trägt, sowie mit den trotzkistischen Führern Stephen Spender, Arthur Koestler und Ignazo Silone“. Und Ignotus fügt hinzu:

„Nichts, nicht einmal das Fehlen des Tabaks, war so schlimm wie das Gefühl, daß man vergessen war. Das ist der Mühe wert, hervorgehoben zu werden; denn oft erhebt sich die Frage, ob man sich für Menschen, die in politischen Gefängnissen leiden, moralisch einsetzen soll oder nicht. „Schaden wir ihnen nicht mehr, als wir ihnen nützen, wenn wir unsere Sympathie bekunden fragen sich viele. Die Antwort ist: Nein. Zunächst weil es kaum einen Tyrannen gibt, der, wie immer er die Weltmeinung herauszufordern bereit ist, nicht lieber jemanden verfolgt, nach dem kein Hahn kräht, als jemanden, dessen Verfolgung in die Geschichte eingehen wird. Es war kein Zufall, daß Kardinal Mindszenty unter den Priestern und Anna Kethly unter den Sozialdemokraten als erste freigelassen wurden: die Hauptschuldigen vor den Mittätern – einfach deshalb, weil ihre Gefangenschaft am meisten öffentliche Empörung verursacht hatte.“

Im Fall Wolf gang Harich darf vielleicht angemerkt werden, daß unter westlichen, auch bundesdeutschen Intellektuellen von einer heftigen und beständigen Kampagne für seine Amnestie nicht eben viel gehört worden ist. Im Vergleich mit dem, was französische Schriftsteller für Tibor Dery getan haben, wird man ohne Ungerechtigkeit feststellen dürfen: Der Ratschlag, aüf Drängen, Publizität und Lärm zu verzichten und eine prestige-empfindliche Behörde durch äußerste Diskretion freundlicher zu stimmen, ist schon längst befolgt worden – bevor er jetzt erteilt wurde. Wenn wir aber vergleichen, was beständige Protestkampagnen nachweisbar erreicht haben und was die Auswirkungen der behutsamen Diskretion waren, dann wird man sich weder dem Plural „unsere“ noch dem Ausdruck „Erfahrung“ anschließen können, mit dem Robert Neumann eine Meinung äußert, die ein „genaues Nachdenken“ auch des Lesers herausfordert und bestimmt auch wünscht. Es ist mindestens möglich, in dieser Frage eine andere Meinung zu haben, und es ist gewiß, daß andere Erfahrungen vorliegen, aus denen sich andere Konsequenzen ergeben.