Hamburg

Das Delikt, dessen sie angeklagt war, hieß „Anstiftung zur Fahnenflucht“. Eine zweiundzwanzigiährige Arbeiterin war beschuldigt, ihren Verlobten, einen Soldaten, überredet zu haben, nach seinem Urlaub nicht zu seiner Einheit zurückzukehren.

Ein liebendes Mädchen, dem das Herz zu brechen drohte, als der Geliebte von ihr scheiden sollte – ein schluchzendes Weib, aufgelöst an seinem Halse hängend, eine sich Opfernde, die alles auf sich zu nehmen versuchte – so schwebte sie mir vor. Das ganze Genrebild untermalt von einem wehmütigen Volkslied über Liebe und Abschied mit dem Refrain „Es darf nicht sein, mein Schatz, der Staat, der braucht Soldaten“.

Im Zimmer 138 des Hamburger Amtsgerichts fand die Verhandlung statt.

Der Vorsitzende und zwei Schöffen blicken auf eine Dame in veilchenblauem Mantel, die auf spitzen, hohen Absätzen die hübschen Beine vor der Anklagebank ein wenig hin- und herknickeln läßt.

„Fräulein Anni Klein, geboten 1941 in Ostpreußen? Oder sind Sie inzwischen verheiratet?“ fragt der Vorsitzende.

„Nein.“