Die von Johannes Jacobi in seiner Besprechung (Die ZEIT Nr. 9/63) zitierte Anweisung an den „Schauspieler, der Pacelli gibt“ erinnerte mich an das Erlebnis, das mich in Rom in der Begegnung mit dem Papst am meisten erschütterte: Es war der Verzicht auf alles Persönliche um der Institution willen. Aber dies war kein Verzicht aus jenen Motiven, die Hochhuth selbstverständlich zu sein scheinen, sondern aus seiner Auffassung über das von ihm verwaltete Amt. Pater Leiber, mit dem der Verfasser nach dem Spiegel korrespondiert haben soll, kennt Pius XII. aus jahrzehntelanger persönlicher Zusammenarbeit. Auf ihn wird Hochhuth sich in seiner Motivierung nicht berufen können. Dabei gehört Pater Leiber wirklich nicht zu denjenigen, die Pius XII. als Übermenschen glorifizierten, wenn er ihn auch in seiner wirklichen Bedeutung aus seiner täglichen Zusammenarbeit richtig einzuschätzen vermochte.

Aber es geht um das „Christliche Trauerspiel“. Und ich hoffe, daß sein eigentliches Wesen in der Auseinandersetzung der nächsten Zeit nicht nur nicht unterdrückt, sondern immer mehr herausgearbeitet wird. Mich selbst beschäftigt dieses Trauerspiel seit 1933 – ich war damals mit 24 Jahren noch am Beginn meiner Ausbildung – mit der Frage nach dem Verhältnis von „christlicher Klugheit“ und „unchristlicher Feigheit“. Herr Hochhuth scheint das „Trauerspiel“ sehr vereinfachend dargestellt zu haben. Seine christliche Lösung scheint die Haltung des „jungen Jesuiten“ zu sein. Ich verstehe sie durchaus, weil ich selbst in den entscheidenden Kriegsjahren „junger Jesuit“ war, der sich schließlich (von Köln aus) nach Mitteldeutschland versetzen ließ, um das Kriegsende bei den Russen mitzuerleben – besser: um einigen Tausend Menschen bei der Bewältigung all des Schweren zu helfen, das ihnen aufgebürdet wurde, weil sie sich seit vielen Jahren allen an sich unvermeidlichen Entscheidungen hatten entziehen wollen.

Nach der unbewiesenen und wohl auch unbeweisbaren Behauptung Hochhuths hätte ein entsprechender Protest des Papstes das Leben von sechs Millionen Juden gerettet. Leider erlauben es uns die geschichtlichen Tatsachen nicht, in der gleichen Weise optimistisch zu sein. Das Rundschreiben „Mit brennender Sorge“ aus dem Jahr 1937 vermochte zwar die Christen in Deutschland vorübergehend zu ermutigen, aber die Entwicklung wurde nicht aufgehalten. Das konnte im gleichen Jahr auch die große Rede des amerikanischen Kardinals Mundeline nicht. Ich erinnere mich, wie sie von Goebbels zum Anlaß genommen wurde, die „Reihen noch fester zu schließen“. Und die nicht zur Achse „Berlin–Rom–Tokio“ gehörenden Länder? Sie hätten gewiß durch einen päpstlichen Protest nichts erfahren, was sie nicht längst wußten.

An Kardinal Bertrams schrieb Pius XII.: „Den an Ort und Stelle tätigen Oberhirten überlassen Wir es, abzuwägen, ob und bis zu welchem Grade die Gefahrvon Vergeltungsmaßnahmen und Druckmitteln im Falle bischöflicher Kundgebungen sowie andere vielleicht durch Länge und Psychologie des Krieges verursachte Umstände es ratsam erscheinen lassen, trotz der angeführten Beweggründe ad majora mala vitanda Zurückhaltung zu üben. Hier liegt einer der Gründe, warum Wir selbst Uns in Unseren Kundgebungen Beschränkungen auferlegen. Die Erfahrung, die Wir im Jahre 1942 mit päpstlichen Schriftstücken gemacht haben, rechtfertigt, soweit Wir sehen, Unsere Haltung.“

In dem Bemühen, der Welt den Frieden zu erhalten, kann man dem Papst gewiß keine „Passivität“ vorwerfen. Ob er wohl mehr Erfolg gehabt hätte mit einem Protest gegen die Ermordung unschuldiger Menschen?

Um diesen „Erfolg“ jedoch geht es Herrn Hochhuth. Er legt damit einen Maßstab an, der für rein innerweltliche Zweckgemeinschaften eine gewisse Gültigkeit besitzen mag, niemals jedoch für die letzte Beurteilung eines kirchlichen Amtes, das nach den Worten Christi zwar „in dieser Welt, jedoch nicht im Geiste der Welt“ verwaltet werden soll.

Mit der Beschreibung des Papstes als eines „passiven Politikers“ vermag man ihm nicht gerecht zu werden, selbst wenn diese Beschreibung durch zahlreiche historische Tatsachen belegt werden könnte. Das ihm anvertraute Reich „ist nicht von dieser Welt“. Er hat Zeugnis abzulegen für eine Wirklichkeit, der man ständig widersprechen wird. Diesem Zeugnis jedoch hat Pius XII. sich nicht entzogen. Doch auch dieses Zeugnis fand keinen Widerhall, der sich als Lebensmächtigkeit auswirkte. Leider ist es eine Tatsache, daß das Zeugnis der Kirche, des Papstes, auch der wirklich lebendigen Priester und Christen die Menschen nicht selbstverständlich ändert. Dennoch erwartet man von dem moralischen Protest eines gewaltlosen Papstes die Gesinnungsänderung der Gewalttätigen.