Die einen werfen dem Autor Geschichtsfälschung und eine diffamierende Verzeichnung der Persönlichkeit des XII. Pius vor. Andere, wie zum Beispiel ich, sind der Ansicht, daß er sich in allen entscheidenden Punkten streng an die wissenschaftlich erforschten, dokumentarisch belegten geschichtlichen Tatsachen hält. Selbst wo Hochhuth vom Recht auf literarische Freiheit Gebrauch macht, um die verschiedenen Handlungsebenen (Auschwitz, Berlin, Rom) dramaturgisch zu verknüpfen und den historischen Stoff in einer spielbaren Fabel zu organisieren, zeigt sich mir bis in die Behandlung der kleinsten Details die Gewissenhaftigkeit seines Quellenstudiums.

– Unleugbar ist, daß Pius XII. über Umfang und Form der „Endlösung der Judenfrage“, wie sie von der Hitlerregierung praktiziert wurde, spätestens seit Juni 1942 genau unterrichtet war. Ebenso steht fest, daß er weder öffentlich noch auf diplomatischem Wege gegen diesen industriell betriebenen Massenmord protestiert hat, obwohl eine solche Bitte mehrfach an ihn herangetragen wurde.

Er protestierte auch dann nicht, als die Gestapo im Oktober 1943 – sozusagen unter den Fenstern des Vatikans – die Juden der Ewigen Stadt nach Auschwitz verschleppte. Die einzige Reaktion des Vatikans auf dieses Ereignis findet sich im Osservatore Romano vom 25. 10. 1943. Dort heißt es – diplomatisch verklausuliert – in-einem Kommuniqué über die Liebestätigkeit des Papstes, der Heilige Vater lasse seine väterliche Fürsorge allen Menschen ohne Unterschied der Nationalität und Rasse angedeihen.

Der spöttische Kommentar, den der deutsche Botschafter beim Vatikan, von Weizsäcker, in seinem Begleitschreiben an das Berliner Auswärtige Amt dazu gab, zeigt deutlich genug, daß die Nazis diese Verlautbarung nicht als Protest, sondern als stillschweigend duldende Hinnahme ihrer Maßnahmen verstanden: „Gegen diese Veröffentlichung sind Einwendungen um so weniger zu erheben, als ihr Wortlaut von den wenigsten als spezieller Hinweis auf die Judenfrage verstanden werden wird.“

Hochhuths These lautet: Der Papst hätte Hitler mit der Kündigung des Konkordats drohen und, wenn nötig, öffentlich das System der Gaskammern verurteilen sollen. Ein solcher Schritt hätte, so meint der Autor, zahllosen Menschen das Leben retten können.

Nicht die von Hochhuth angeführten Tatbestände also sind strittig. Strittig ist die von ihm vorgetragene moralische und politische Beurteilung des geschichtlichen Vorganges.

Was sind die Gegenargumente? Zum größten Teil finden sie sich bereits in einem vor zwei Jahren erschienenen Aufsatz des Jesuitenpaters Professor Robert Leiber, dem Sekretär und engsten Vertrauten des verstorbenen Papstes („Pius XII. und die Juden in Rom“, Stimmen der Zeit, März 1961). Es handelt sich um eine offiziöse Stellungnahme des Vatikans zu der Veröffentlichung des erwähnten Weizsäcker-Briefes in meinem Buch „Der gelbe Stern“. Die Kritiker, die sich anläßlich der Hochhuth-Premiere auf der katholischen Seite zu Wort meldeten, fügen seinen Erklärungen im Grunde wenig Neues hinzu. Mir scheint, die meisten von ihnen redeten an der eigentlichen Streitfrage des Stückes vorbei.