Paris, Mitte März

An der Pariser Börse herrscht Ruhe. Die Umsätze sind ungewöhnlich gering: Nur 70 Millionen Francs im täglichen Durchschnitt! Davon entfallen 25 bis 30 % auf das Geschäft in festverzinslichen Werten, unter Führung der beiden großen Indexanleihen, der Pinay- und der Ramadier-Anleihe. Das sogenannte „Portefeuille“ verkauft nichts mehr, aber es erwirbt auch keine neuen Aktien. Selbst die Spekulation ist enttäuscht. Sie hatte Hoffnungen auf die lange vernachlässigten Banken gesetzt. Sie hatte ferner wegen der ruhigen politischen Entwicklung in der Sahara mit einer Kurserhöhung der Erdölwerte gerechnet.

Nach dem ersten Schreck, den der sozialistische Antrag auf Sozialisierung der Geschäftsbanken ausgelöst hatte, kam dann der Beschluß des Nationalen Kreditrates, rund 1,8 Mrd. Fr. einzufrieren. Die Börse fürchtete nun, wohl mit Unrecht (weil die Banken es noch immer verstanden haben, aus Kreditbeschränkungen ein Geschäft zu machen), daß die Gewinnmöglichkeiten der Banken für 1963 geringer sein werden.

Die kalte Dusche für die Erdölwerte – in ihrer Wirkung vermutlich auch übertrieben – kam jedenfalls von der Regierungsbank. Der 1960 gegründeten Union Generale des Petroles, die in die Verteilung der Rohöleinfuhrlizenzen und deren Raffinierung eingeschaltet worden war (was damals übrigens zum Rücktritt des gegen planwirtschaftliche Maßnahmen eingestellten Finanzministers geführt hatte), wurde von den Behörden plötzlich aufgegeben, von 1965 ab sich bis 15 % einen Markt für den Absatz von Erdölraffinerieprodukten zu erkämpfen. Die Börse, die sich als Verteidiger der freien Wirtschaft und des Privatkapitals fühlt, liebt planwirtschaftliche, dirigistische Autoritätseingriffe nicht.

Eine andere Maßnahme der Planbehörden, diesmal in Übereinstimmung mit der Montanindustrie gefaßt, hatte kursmäßig keinen Einfluß, weil das Niveau schon sehr niedrig war: Planbehörde und Stahlerzeuger sind übereingekommen, die Investitionen zu verlangsamen, weil in den kommenden Jahren europäische Überkapazitäten vorhanden sein werden. Schon jetzt ist die Leistungsfähigkeit der europäischen Eisen- und Stahlindustrie im Durchschnitt nur mit 85 % ausgenutzt.

Solange die Regierung in Lohnverhandlungen steht, ist eine Aufwärtsbewegung an der Börse nicht zu erwarten. Alle Anzeichen weisen darauf hin, daß die Baisse aus diesem Grunde gewollt ist. Die Regierung hatte zahlreiche Maßnahmen, die der Börse Auftrieb hätten geben müssen, vorbereitet. Wegen der sozialen Spannung sind sie zurückgehalten worden.

Es scheint sich auch zu bestätigen, daß das Finanzministerium in den kommenden Monaten zur Konsolidierung kurzfristiger Schulden eine neue Anleihe herauszugeben beabsichtigt. Die Ramadier-Anleihe von 1956, die zu 5 % verzinslich ist und deren Tilgungspreis auf den Börsenindex abgestellt ist, wird ab 1970 rückzahlbar. Es ist kaum anzunehmen, daß die neue Regierungsanleihe wieder mit 5 % verzinslich sein wird, aber sie wird zum Ausgleich mit steuerlichen Vorteilen und nach dem Muster der Ramadier-Anleihe mit einem verfeinerten Börsenindex als Rückzahlungsgarantie ausgestattet sein. Sie könnte den Titel „Anleihe für die industrielle Expansion“ tragen. Niedrige Börsenkurse im Zeitpunkt der Emission würden daher einem Zeichnungserfolg zu Hilfe kommen. Die Börse glaubt auch, daß die alte Ramadier-Anleihe in die neue Emission vorteilhaft umgetauscht werden könnte. Retlaw