Sehr aktuell! rief die Verkäuferin mit verschmitztem Lächeln, und der junge Mann kaufte das Batisttüchlein, auf dem in schier endloser Reihe zu lesen war: „Ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe ...“ Gewiß meinte sie (aus welchen persönlichen Gründen auch immer) die Inschrift und nicht das Tuch selbst, denn derart und ähnlich bedruckte Stoffe gibt es schon lange. Was hieße da „aktuell“?

Auf Dinge der Mode bezogen, bedeutet dieses Wort „ganz neu“, „Sensation“, „zeitgemäß“. So war für mich in diesen Tagen die Überlegung aktuell, ob ich Frühjahrsanzug und Übergangsmantel schon jetzt der Mottenpulver-Narkose entreißen sollte. Ich zögerte, unsicher, ob ein Mann in diesem wie in jedem Jahr zuvor schon wieder Grau und Blau tragen könne. Die Herrenmode hatte sich doch in den Mantel des Geheimnisses gehüllt: Es seien Überraschungen zu erwarten ...

Ich bin freudig überrascht, denn das Deutsche Institut für Herrenmode ließ jetzt verlauten: „Die modischen Farben der Frühjahrs- und Sommermodelle sollen Braun bis Beige sein. Aktuell sind auch die Farben Grau bis Blau.“

Beruhigt nehme ich nun meinen Mantel und den Anzug aus dem Winterschlaf, wie jedes Jahr zuvor. Grau und Blau dominieren, sie dominieren seit fünfzig Jahren. Was mag bloß das Wörtchen „aktuell“ bedeuten? „Neu“? Oder „beliebt“? Oder „bequem“ und „nie falsch“? o. f.