Von Rosemarie Winter

Irmilin Schneider hat es satt. Seit genau acht Jahren sitzt sie als 2. Abteilungssekretärin in einem großen Verwaltungsbüro. Vor kurzem hat ihre Kollegin geheiratet, und gestern erfuhr sie – „hintenherum“ selbstverständlich –, daß die Neue, die man dafür einstellte, genau 75,25 DM mehr verdient als ihre Vorgängerin und auch als sie selbst. Dabei leistet diese Neue genau die gleiche Arbeit wie Fräulein Schneider. Ihr Einspruch bei der Personalabteilung wird abgelehnt. Wo käme man hin ... Und Irmilin S. ist entschlossen zu kündigen. „Meiner Nachfolgerin wird man bestimmt von vornherein das anbieten, was man mir verweigert“, erklärt die Enttäuschte und es widerspricht ihr niemand; die Kollegen aus der Personalabteilung hüllen sich in Schweigen.

Dieser Fall ist einer von ungezählten, die sich fast täglich in großen und kleinen Betrieben der Bundesrepublik abspielen. So unscheinbar der Vorgang aus höheren wirtschaftlichen Aspekten sein mag, so trägt er und seine Artverwandten doch entscheidend dazu bei, Unruhe in die Betriebe zu bringen, die Grundlagen geltender Entlohnung immer wieder schwankend zu machen und letzten Endes Rentabilität und Erfolg in Frage zu stellen.

„Das könnte ja auch anders sein“, hört man die berühmten Tarifpartner grollen. Und jeder meint dabei mit „anders“ haargenau das Gegenteil dessen, was sein Gegenüber anstrebt. Die Verwirrung wird also immer größer und es gibt zur Zeit im Bundesgebiet nur wenige Firmen, die sich darüber erhaben fühlen und sicher sind, daß Ähnliches bei ihnen nicht passieren kann.

Dabei handelt es sich meist um Großbetriebe und vor allem um ebenso mutige wie ideenreiche Personalchefs. Zur Stunde läßt sich leider noch nicht feststellen, wie viele Unternehmen es bereits unternommen haben, jene neue Arbeitswertbemessung auf Grund einer Arbeitsplatz-Bewertung einzuführen, die derartige Pannen ausschließt. Es wäre deshalb gewiß an der Zeit, daß sich das Rationalisierungskuratorium für die Deutsche Wirtschaft oder auch das Deutsche Industrieinstitut einmal mit der Frage beschäftigte, wie viele Arbeitgeber heute nach den neuen Systemen entlohnen und welche Erfahrungen sie damit gemacht haben.

Gegenwärtig läßt sich darüber nur folgendes zusammenfassen:

Arbeitsplatzbewertung heißt, eine Arbeit nicht mehr allein nach bestimmten Tarifgruppen zu bezahlen, die unübersehbar vielen Tätigkeiten gerecht werden müssen, sondern jeden einzelnen Arbeitsplatz gesondert zu analysieren und danach zu bewerten, so daß Ungerechtigkeiten in der Entlohnung auf ein Mindestmaß zusammenschmelzen.