Unsere Debatte kommt mir vor wie die Diskussion um die Frage ‚Als Jungfrau in die Ehe‘ “, erklärte der stellvertretende VDS-Vorsitzende Roos gegen drei Uhr morgens den in Hamburg versammelten Vertretern von rund 250 000 Studenten der Bundesrepublik. Die 15. ordentliche Mitgliederversammlung des „Verbandes Deutscher Studentenschaften“ debattierten in ihrer fünften Nachtsitzung darüber, ob der VDS Kontakte zu den Studenten der DDR suchen sollte, auch wenn dies nur über die FDJ möglich ist.

Als über der Hansestadt ein neuer Tag dämmerte, schienen die Studenten allen Versuchungen, die das Thema barg, widerstanden zu haben. Eine Kompromißresolution war formuliert, die zwar „die Zusammenführung der deutschen Studenten in Ost und West“ forderte, jedoch schamvoll verschwieg, daß diese Forderung nur durch Gespräche mit Vertretern des SED-Regimes hergestellt werden können. Die Studenten wurden für ihre Formulierkünste belohnt: Der erwartete öffentliche Proteststurm gegen die „Ostkontakt“-Versuche des VDS blieb aus.

Zu Beginn der Tagung hatte es nicht so ausgesehen, als ob die Einigkeit zwischen Studentenvertretern und „Öffentlichkeit“ in den Fragen gesamtdeutscher Aktivität gewahrt bleiben würde.

Der Vorstand schien entschlossen, aus dem Wunsch nach gesamtdeutschen Studentenkontakten die unangenehme Konsequenz zu ziehen: Offizielle Gespräche mit den Funktionären der FDJ. Der VDS-Vorsitzende Lothar Krappmann testete vor Beginn des Studententreffens in einer Pressekonferenz vorsichtig die „öffentliche Meinung“, indem er andeutete, Verhandlungen zwischen VDS und FDJ seien nicht mehr ausgeschlossen.

Einen Tag später konnte er der Presse entnehmen, daß der VDS von politischen Dummköpfen oder noch gefährlicheren Elementen regiert werde. Die Deutsche Zeitung kommentierte Krappmanns Äußerungen: „Die SED-Funktionäre hören solche Worte gern.“ Der Verdacht, daß auch unter den Jungakademikern eine „Linksclique“ am Werk sei, lag nahe und wurde ausgesprochen. Davor bewahrte den VDS-Vorstand auch die Tatsache nicht, daß sein gesamtdeutscher Referent langjähriges Mitglied der CDU ist, und der Vorsitzende Krappmann wie sein Stellvertreter Roos katholische Theologie studieren.

In den Fluren des Hamburger Studentenhauses sammelte sich die Opposition gegen die Absichten des VDS-Vorstandes. Ein Abgesandter des Rings Christlich-Demokratischer Studenten verlangte, vor den Delegierten sprechen zu dürfen. Ihm wurde das Rederecht verweigert. Darauf kündigte er „außerparlamentarische“ Maßnahmen an, falls die VDS-Versammlung für die „Ostkontakte“ stimmen werde: Pressekampagne, Aufklärungsbroschüre und Vollversammlungen in den Universitäten. Das „konservative Gewissen“ der VDS-Delegierten, der Brauereistudent Roth, nannte seine kontaktwilligen Kommilitonen „pflaumenweich wie Pudding“ und forderte einen Block gegen die „Schlappschwänze“.

Alles deutete nach diesem Vorspiel darauf hin, daß die VDS-Delegierten um den Tagesordnungs punkt „Ostkontakte“ leidenschaftlich debattieren und mit allen parlamentarischen Mitteln kämpfen würden. Aber niemand kämpfte, als es in der fünften Tagungsnacht so weit war; nicht eine einzige leidenschaftliche Rede wurde gehalten. Stattdessen wurde formuliert. Der Vorstand zog eine Entschließung mit detaillierten Vorschlägen zu den geplanten Kontakten zurück. Es blieben ein Antrag und ein Alternativantrag aus dem Plenum, die sich in Inhalt und Wortlaut nicht voneinander unterschieden – soweit das im Durcheinander zäh geführter Geschäftsordnungsdebatten zu übersehen war.