M. W., London, Im März

Zwei englische Journalisten, die Reporter Mulholland von der „Daily Mail“ und Foster vom „Daily Sketch“, sind hinter den schweren Toren des Gefängnisses von Brixton verschwunden. Der Appellations-Ausschuß des Oberhauses hatte ihnen nicht gestattet, gegen ihre Verurteilung zu sechs, beziehungsweise drei Monaten Einspruch einzulegen,

Fleet Street, Londons berühmte Zeitungsstraße, betrachtet sie nun als Märtyrer. Selbst die „Times“ schrieb, die Verurteilung der beiden habe zwar im Einklang mit dem Gesetz gestanden, sei aber doch gegen das öffentliche Interesse. Und sie mahnte: In Zeiten, in denen man immer mehr den Obrigkeiten auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sei, müßten die wenigen Sicherungen der Gemeinschaft und des Individuums unangetastet bleiben.

Die beiden Jounalisten waren verurteilt worden, weil sie sich geweigert hatten, mitzuteilen, wer ihnen nach der Verhaftung des Spions Vassal Informationen darüber geliefert hat, daß seine Homosexualität notorisch war und auch seinen Vorgesetzten bekannt gewesen sein mußte.

Mulholland und Foster waren nicht die einzigen, die auf das ungeschriebene Gesetz aller Journalisten hinwiesen, ihre Informationen nicht zu nennen; aber sie waren die einzigen, die bis zuletzt dabei blieben.

In normalen Fällen wird ein englischer Richter dem Journalisten ein solches Gewissensdilemma ersparen. Wenn es sich aber um die Sicherheit des Staates handelt oder um ein Menschenleben, gilt diese Praxis nicht mehr. Mulholland und Foster wurden, streng nach dem Gesetz, verurteilt, und, streng nach dem Gesetz, wurde damit der Freiheit kein Haar gekrümmt. Aber ist das Gesetz nicht zu streng? Nach diesem Urteil wird diese Frage in England immer lauter gestellt. Die Informationsquellen müssen versiegen, wenn sich die Informanten nicht mehr darauf verlassen können, daß sie geheim bleiben. Ist es aber im Interesse der Öffentlichkeit, daß sich hinter den Kulissen der Macht niemand mehr findet, der der Presse verraten würde, wo etwas „faul“ ist?

Zu dem Journalisten Clough vom „Daily Sketch“, sagt der Lord Chief Justice, es wäre doch ehrenhaft, seinen Informanten bekanntzugeben – „da es sich doch nur um Ihre einfache Bürgerpflicht handelt, nämlich das Interesse des Staates über alles zu stellen“. Dem Lord Chief Justice zu Ehren darf getrost angenommen werden, daß er es nicht so meinte, wie es sich liest. In dem klassischen Lande des Non-Konformismus ist man sich noch immer bewußt genug, daß es das Interesse des Staates vor allem erfordert, das Interesse des Staates nicht über alles zu stellen – besonders nicht über das eigene Gewissen, und sei es auch nur das eines Journalisten.