Die Börse hat die RWE-Kapitalerhöhung überraschend gut überstanden. Die RWE – Aktien haben sogar schon einen Teil des Bezugsrechtabschlages wieder aufgeholt. Wenngleich man bei der reibungslosen Placierung der jungen RWE-Aktien berücksichtigen muß, daß hier ein Unternehmen Kapital eingefordert hat, dessen Tätigkeitsbereich als ziemlich konjunkturunempfindlich gilt, so scheinen sich jetzt auch andere Gesellschaften Hoffnungen zu machen, noch in diesem Jahr eine Kapitalerhöhung durchführen zu können. Für die Aktionäre wird sich dann von Fall zu Fall die Frage stellen, inwieweit sie von ihrem Bezugsrecht Gebrauch machen sollen oder nicht. Sobald sich größere Kapitalerhöhungen abzeichnen, werden wir uns darüber unterhalten. Heute gilt unser Thema der Kursnotierung der jungen Aktien.

Zunächst einmal: Was sind junge Aktien? Alte und junge Aktien werden an der Börse unterschieden, sofern nach einer Kapitalerhöhung die jungen Aktien den alten nicht gleichberechtigt sind. Solange junge Aktien, die zum Börsenhandel zugelassen sind, nicht denselben Gewinnanspruch haben wie die alten Aktien, erfolgen getrennte Notierungen. – Zur Erläuterung: Oftmals wird eine Kapitalerhöhung inmitten eines Geschäftsjahres durchgeführt. Die aus der Kapitalerhöhung stammenden Aktien sind dann meist nur für die restliche Hälfte des laufenden Geschäftsjahres dividendenberechtigt. Infolgedessen sind sie gegenüber den alten, die ja mit der vollen Dividende bedient werden, nicht gleichberechtigt, sondern von „minderem“ Wert. Die Differenz zwischen den Kursen für die alten und jungen Aktien müßte dann den halben Dividendensatz betragen. So wäre es rein rechnerisch, aber in Wirklichkeit pflegen sich die Dinge anders zu entwickeln.

Das hat mehrere Ursachen. Meist sind die jungen Aktien preiswerter erhältlich als die dazugehörigen „alten“ Aktien. Eine Erscheinung, die sich langfristig disponierende Anleger zunutze machen, denn sie wissen ja, daß eines Tages junge und alte Aktien den gleichen Kurs haben werden, nämlich dann, wenn ihr Gewinnanspruch ebenfalls gleich geworden ist. In der Regel ist das nach Ausschüttung der nächsten Dividende der Fall.

Verfolgen wir den Weg der jungen Aktien an der Börse, dann wird deutlich, warum diese Papiere zunächst einmal einen schlechteren Markt haben müssen. Zunächst werden sie im sogenannten „Freiverkehr“ gehandelt, sozusagen im Vorhof für den „amtlichen Verkehr“, für den die Zulassung erst nach strenger Prüfung, d. h. nach Veröffentlichung eines Zulassungsprospektes, erfolgt. Im Freiverkehr sind die jungen Aktien für die breite Öffentlichkeit kaum sichtbar, sie liegen – wenn man so will – nicht im Schaufenster. Das wird erst anders, wenn auch die jungen Aktien in den amtlichen Handel übernommen worden sind. Deshalb sollte man das Interregnum abkürzen, wie es bei den jungen RWE-Aktien lobenswerterweise geschehen ist. Diese werden noch in diesem Monat „amtlich“ gehandelt werden.

Ein weiterer Grund, warum junge Aktien meist etwas billiger erhältlich sind, ist dann gegeben, wenn es nicht gelungen war, sämtliche jungen Aktien während des Bezugsrechthandels echt zu placieren, wenn also die führende Konsortialbank (oder das gesamte Konsortium) die jungen Aktien zunächst einmal bei sich in Pflege nehmen mußte; in Baisse-Zeiten kein risikoloses Geschäft. Da zudem die Geschäftsbanken kein gesteigertes Interesse am Aktienbesitz haben, der ihnen keine sonstigen Vorteile bringt, versuchen sie, so schnell wie es die Verhältnisse gestatten, von den unerwünschten Posten wieder herunterzukommen.

Dafür gibt es mehrere Wege. Nicht selten werden größere Beträge zu Vorzugskursen unter der Hand offeriert. Meist mit der Verpflichtung, an den übernommenen Aktien mindestens ein Jahr lang festzuhalten (Verkaufssperre). Diese Art von Sonderangeboten sind aber inzwischen etwas anrüchig geworden. Allmählich hat auch die Kundschaft gemerkt, daß in den letzten Jahren mit den vielfachen Sonderangeboten niemand recht froh geworden ist. Auch hier gilt die alte kaufmännische Erfahrung: Was gut ist, verkauft sich ohnehin ohne Mühe; wo Vorzugspreise geboten werden, hat das auch seinen Grund, also Vorsicht. Wenn eine Bank sich von irgendwelchen Beständen zu Vorzugskursen entlasten will, so tut sie es sicher nicht, weil sie annimmt, daß mit diesen Papieren in nächster Zeit gute Geschäfte zu machen sind.

Der andere Weg, junge Aktien endgültig zu placieren, geht direkt über den Markt. Er ist langwierig, weil die jungen Aktien nur tröpfchenweise eingeschleust werden können. Das belastet den Markt eines Papieres lange Zeit, doch letzten Endes ist diese Form der Unterbringung solider, weil sie keinem Spekulanten Raum bietet.