Auf der diesjährigen Leipziger Frühjahrsmesse (3.–12. März) war die Enttäuschung der Aussteller aus den 48 nichtkommunistischen Ländern besonders groß. Sowjetzonen-Außenhandelsminister Balkow hatte unmißverständlich mitgeteilt, daß der Westhandel der Sowjetzone in den nächsten zwei Jahren nicht erheblich steigen werde. Denn: 1963/64 müsse zunächst einmal der Handel mit den „sozialistischen Ländern“ stärker erhöht werden.

Die Beteiligung der Bundesrepublik und Westberlins an der Messe war von ihren Veranstaltern mit 640 angegeben worden. Der neue Messeamtsdirektor behauptete sogar, die Zahl der Aussteller habe sich gegenüber dem Vorjahr „etwas vergrößert“. Tatsache aber ist, daß die westdeutschen und Westberliner Betriebe im Vorjahr eine Ausstellungsfläche von 18 000 qm und in diesem Jahr nur von 17 650 qm belegten. Auf 640 Aussteller kann man nur dann kommen, wenn man die durch einen Kollektivstand vertretenen etwa 160 norddeutschen Fischereifirmen und die’Weinhändler aus der Pfalz und dem Rheingau alle einzeln zusammenzählt.

Schon seit zwei Jahren hat sich die Leipziger Messe nicht mehr ausdehnen können. Sie stagniert bei 9000 Ausstellern, wobei konstant auf jeder Frühjahrsmesse 6000 Betriebe aus der Sowjetzone vertreten sind. Tatsächlich trat das ein, was wir bereits vor Wochen ankündigten: Der neue Messeamtsdirektor konnte es durchsetzen, daß nach sechzehn Jahren des Mißerfolgs nicht mehr versucht wird, die westdeutschen und westlichen Kaufleute mit Kampfparolen zu gewinnen. Transparente mit politischen Sprüchen fehlten deshalb im Straßenbild Leipzigs. Auch die sogenannten Vormessen, das sind Überprüfungen der von den „volkseigenen“ Betrieben auszustellenden Waren, hat sich positiv ausgewirkt. Qualitätssteigerungen waren daher in vielen Branchen festzustellen.

Der von den Zonen-Propagandisten gern gebrauchte Satz: „Wenn die Firmen aus der Bundesrepublik nicht zur Leipziger Messe kommen, vergeben wir die großen Aufträge eben nach England“, zieht nicht mehr. Das haben die Engländer zu spüren bekommen. 30 Aussteller blieben fort. Ungewöhnlich aber war die Methode, mit der englische Firmen zur Teilnahme an der Messe bewogen wurden. Bei den kürzlich stattgefundenen Verhandlungen über den Warenaustausch zwischen der Sowjetzone und Großbritannien hatte beispielsweise die Londoner Firma Petrocarbon Developments Ltd. einen Auftrag über 3 Mill. Pfund Sterling nur unter der Bedingung erhalten, daß sie in Leipzig ausstelle. Zum Nachweis der „guten Geschäfte in Leipzig“ wurde der bereits abgeschlossene Vertrag in Leipzig unterzeichnet.

Japan, das im vergangenen Jahr den größten Ausstellungspavillon in der Stahlbranche auf der Messe belegt hatte, in dem 70 % der gesamten japanischen Stahlindustrie vertreten war, fehlte vollkommen! Zum Leidwesen der Veranstalter hält aber auch die Großindustrie der neutralen Schweiz von der Leipziger Messe nichts. Die schweizerische chemische Industrie – 1962 stellten noch einige Werke aus – fehlte diesmal ebenfalls. Natürlich nahm auch Peking von der Leipziger Messe keine Notiz. Der chinesische Botschafter in Ostberlin und sein Handelsattache machten nur einen kurzen Höflichkeitsbesuch, während vor acht Jahren die Sowjetzone den größten Abschluß auf der Leipziger Messe mit den Chinesen tätigte!

Leipzig wird immer mehr zu einem Treffpunkt der Wirtschaftler aus den europäischen Ostblockländern, welche die Messe zur Klärung der Bezugswünsche und Möglichkeiten für alle zwischen den kommunistischen Ländern abgestimmten Planpositionen nutzen. So waren 28 Sonderzüge aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn mit Wirtschaftlern, Ingenieuren und Technikern nach Leipzig gekommen, die auch den Auftrag hatten, das Angebot der nichtkommunistischen Länder mit der einheimischen Produktion zu vergleichen.

Wegen der schlechten Versorgungslage in der Sowjetzone hatte man in Leipzig 20 Restaurants für die Auslandsbesucher reserviert, in denen alle die Speisen zu haben waren, von denen die mitteldeutsche Bevölkerung nur träumen kann.