Von Hermann Riedle

Etwa zur gleichen Zeit, da die deutsche Bundesregierung ihren Wirtschaftsbericht dem Parlament und der Öffentlichkeit vorlegte, unterbreitete in England das National Economic Development Council (NED) seinen Rahmenplan für die britische Wirtschaft über die Jahre 1961 bis 1966. Auch der englische Bericht ist in drei Teile geteilt; allerdings scheint mir die methodische Gliederung in der britischen Analyse sachgerechter zu sein als in der deutschen.

Das Bundeswirtschaftsministerium untersuchte die Entwicklung im Jahre 1962, stellte dann Prognosen für 1963 und ließ es im dritten Teil mit allgemeinen Leitlinien für eine „vernünftige“ Wirtschaftspolitik bewenden. Die britischen Ökonomen haben die Sache gründlicher in die Hand genommen: Sie führten eine genaue Umfrage bei 17 Industriezweigen durch, wobei die Unternehmer Auskunft geben mußten über die Expansion, die Investitionen, die Beschäftigung und die technischen Möglichkeiten; dann wurden diese detaillierten Angaben in einer Gesamtschau zusammengestellt und mit einer Zielsetzung für die britische Wirtschaft bis 1966 versehen, und schließlich stehen im dritten Teil die Empfehlungen des NED für eine zielgerechte Wirtschaftspolitik. Diesen politisch „gefährlichen“ Teil hat man noch nicht endgültig formuliert und deshalb liegt bis heute keine offizielle Version der wirtschaftspolitischen Empfehlungen vor. Anfang April soll die Veröffentlichung stattfinden. Selbstverständlich haben aber auch in England Publizisten, Wirtschaftspolitiker, Industrielle und Gewerkschafter gerade auf diesen Teil III gespannt gewartet; in Ermangelung eines „gültigen Textes“ werden im Augenblick viele Spekulationen über die richtige Wirtschaftspolitik angestellt.

Der Generaldirektor des NED, Sir Robert Shone, hat sich seine Sache nicht leicht gemacht. Aus dem Mosaik der industriellen Einzelanalyse errechnete er für die britische Wirtschaft ein globales mögliches Wachstum in den fünf Jahren bis 1966 von jährlich 4 %. Das erste Jahr der Plan-Periode ist allerdings schon vorbei und brachte eine Zunahme des Bruttosozialprodukt um nur rund 2 %, liegt also weit unter dem Planziel. Dies zeigt doch wohl deutlich, daß die gewünschte Wachstumsrate von 4 % nur bei konsequenter und aktiver Wirtschaftspolitik zu erreichen ist.

Während in der Bundesrepublik praktisch bei Vollbeschäftigung und einer Zunahme von höchstens 0,2 bis 0,3 % der werktätigen Bevölkerung auch mit einem Wachstum von 3 1/2 % des Inlandprodukts gerechnet wird, setzt sich England das gleiche Ziel bei einer größeren Arbeitsreserve (die Arbeitslosigkeit ist ja wesentlich höher als in Deutschland) und bei vielenorts unausgenützten Kapazitäten. Vom Gesichtspunkt des Arbeitsmarktes her scheint es also durchaus tragbar, was das NED zu erreichen wünscht. Da die Engländer mit einem Zugang von 0,8 % an neuen Beschäftigten rechnen, bleibt noch eine Produktivitätssteigerung von 3,2 % nötig. Und überdies muß in den jetzt noch verbleibenden vier Jahren der Planperiode mehr als 4 % „fortgeschritten“ werden, wenn man das Ziel 1966 erreichen will.

Was die Arbeitszeit betrifft, macht man in England keine Annahmen über eine Verkürzung, sondern läßt bis 1966 die Arbeitsstunden und die bezahlten Feiertage unverändert. Unter diesen Umständen würden jährlich etwa 200 000 Arbeitskräfte in der Wirtschaft untergebracht werden können, und damit wäre die Vollbeschäftigung bis zum Ende der Planperiode erreicht. Die Engländer sind allerdings realistisch. Sie wissen, daß zu einem wirtschaftlichen Aufschwung eine qualifizierte Arbeiterschaft gehört und nicht ungelernte und ungeübte Arbeiter. Es kann, so betont das NED, durchaus passieren, daß trotz Arbeitslosigkeit in vielen Wirtschaftszweigen doch ein Engpaß an gelernten Spezialisten entsteht. Also muß man auch gleichzeitig die Ausbildungsmöglichkeiten für die Arbeiter verbessern. Wenn die Unternehmer ihre angefangene Erziehungsarbeit erfolgreich durchführen sollen, so müssen sich allerdings die Gewerkschaften von ihren antiquierten Vorstellungen freimachen. Alles was die Mobilität des Arbeiters von einem Beruf in einen anderen erhöhen kann, soll gefördert werden und die harte Gewerkschaftspolitik des closed shop muß unbedingt durchbrochen werden. Es beginnen sich aber auch in Großbritannien bei den Gewerkschaftsführern die Geister zu scheiden, und man erkennt, daß im bisherigen „Trott“ der Wettbewerb mit den kontinentalen Ländern nicht mehr möglich sein wird.

Die Umfrage bei den Unternehmungen zeigt, daß es in der britischen Wirtschaft noch Produktivitätsreserven gibt. Natürlich weiß man drüben sehr wohl um die Bedingungen eines produktiveren Wirtschaftsprozesses Technische und wissenschaftliche Entwicklung dürfen nicht stagnieren, sondern müssen gefördert werden; in gewissen Zweigen wird vermehrte Konzentration der Betriebe nötig sein, und vielerorts scheint auch das Problem der arbeitssparenden Investition im Vordergrund zu stehen. Überhaupt sollten die Investitionen weiter zunehmen. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre hat sich eine allgemeine Stagnation in den englischen Unternehmen breitgemacht, weil man nicht ganz klar sah, ob es zu einem Anschluß an den Kreis der sechs EWG-Länder kommen werde oder nicht. Die abwartende Haltung der britischen Industrie hat sich nicht zuletzt im Investitionsbereich sehr lähmend ausgewirkt. Vielleicht ist heute – da auf einige Zeit die Anschlußchancen an die EWG relativ klein sind – die Bereitschaft der englischen Unternehmer größer, den Ausbau der heimischen Anlagen zu fördern, um so im internationalen Wettbewerb auf allen Märkten wieder nach vorne zu kommen.