W. K., München

Dem Münchener Kriminaldirektor Dr. Schreiber kann man gewiß nicht nachsagen, er setze seine politische Polizei nicht genug ein. Kaum eine Veranstaltung, auf der die Männer in der gewollt unauffälligen Kleidung ihre Blicke nicht betont uninteressiert über die Versammelten schweifen lassen. Sie gehören der Abteilung DD 2 an, und sie haben ihre Existenzberechtigung mehr als einmal bewiesen. Höchstes Lob ernteten sie beispielsweise erst vor wenigen Monaten beim Besuch des französischen Staatspräsidenten de Gaulle in der bayerischen Landeshauptstadt. Nicht ein Kanaldeckel blieb unbewacht, keine Mauerritze unüberprüft, in der eine Sprengladung Platz gefunden hätte. De Gaulle konnte unbehelligt die Isar-Metropole wieder verlassen.

Wie Schreiber jeden Meter des Bodens hatte absichern lassen, den der französische Regierungschef während seines dreitägigen Aufenthaltes in München zu betreten beabsichtigte, so hatte er es ebensowenig versäumt, alle jene verdächtigen Personen zu überprüfen, die auch nur im Entferntesten im Rufe standen, mit französischen Rechtsextremisten Kontakte zu unterhalten. Rund 20 Überprüften riet er an, sich während des Staatsbesuches der bayerischen Landeshauptstadt fernzuhalten, andernfalls er sie in „Staatspension“ nehmen müsse. Bereits zu jener Zeit war also der Abteilung DD 2 eine Reihe von Personen bekannt, die das Bombenlagen zu einer alltäglichen Beschäftigung gemacht hatten.

Dennoch mußte dieser Tage Dr. Schreiber eine kriminalistische Schlappe eingestehen. Erst als der französische OAS-Führer Oberst Argoud längst in allen Einzelheiten der Pariser Polizei geschildert hatte, wie er aus dem Münchener Hotel Eden-Wolff entführt wurde, wachte auch Schreibers Abteilung DD 2 auf. Mit überstürzter Emsigkeit versuchten nun 200 Kriminaler nachzuholen, was sie bis dahin versäumt hatten; Die Kontaktleute zu finden, mit denen sich nicht nur Argoud, sondern auch sein politischer Gesinnungsgenosse Bidault mehrfach in München getroffen hatten. Seit Monaten schon war das Gerücht umgegangen, Bidault und dessen Sekretär Ribeaud hielten sich in der Gegend von München auf, und ebenso war bekannt, daß sie in München in der Prinzregentenstraße ein eigenes Büro, besetzt mit einer hübschen Blondine von 24 Jahren, unterhielten. Gleichwohl dauerte es mehr als eine Woche, ehe die Münchener Kriminalpolizei in ihrem Ermittlungsergebnis feststellen konnte, daß ihr die Personenbeschreibungen und Decknamen der Kidnapper bekannt geworden seien, die als „Journalisten“ und „Künstler“ ungeniert in Hotels abgestiegen waren und die Entführung bis ins Detail vorbereitet hatten.

Unumwunden bekannte der bayerische Innenminister Heinrich Junker am letzten Dienstag vor dem bayerischen Landtag: „Mit einer gewissen Verwunderung mußten unsere Mitbürger feststellen, daß die Presse offenbar von Organisationen von der Art der OAS mehr zu wissen scheint als die Polizei.“ Und in der Tat war es so: Die Münchener Zeitungen waren mit ihren Recherchen der Polizei jeweils um Nasenlänge voraus. Nur im Falle Bidault konnte sie die Presseleute überrunden, als sie den ehemaligen französischen Ministerpräsidenten unweit von München im Hause eines holländischen Journalisten aufstöberte – allerdings erst, nachdem sie einen Tip der Bonner Sicherungsgruppe erhalten hatte.

Der Kriminaldirektor entschuldigte sich in einer offiziellen Erklärung für das verspätete Fahndungsergebnis: „Die Polizei hat keinerlei gesetzliche Handhabe, politische Organisationen gleich welcher Art zu überwachen. Erschwert wurden die Ermittlungen im Falle Argoud auch dadurch, daß das neue Meldegesetz Ausländern nicht mehr vorschreibt, bei Übernachtungen ihren Paß vorzulegen.“ Als ob die Vorlage eines Passes über die Identität einer Person sichere Auskunft gäbe: Argouds Koffer, der nach seiner Entführung im Hotelzimmer aufgefunden wurde, enthielt mehr als ein halbes Dutzend Pässe, ausgestellt auf falsche Namen.

Doch gibt es keinen Zweifel, daß die Meldegesetze mehr als lax gehandhabt werden. Verstöße werden nur mit 300 Mark Geldbuße geahndet. Wenn man bedenkt, daß in München allein im letzten Jahr 525 000 Ausländer übernachteten, kann man sich vorstellen, was alles der Polizei bei dieser legeren Methode durch die Finger rann.