Nichts gelernt aus der Hamburger Katastrophe

G. Z., Frankfurt

Ich wurde plötzlich wach und hörte es plätschern. Zuerst dachte ich, ein Wasserhahn sei nicht richtig abgestellt und wollte nachsehen. Als ich aus dem Bett sprang, stand ich bis zu den Waden im Wasser.“ Ein Bericht über die Hamburger Flutkatastrophe vor einem Jahr? Keineswegs. So schilderte eine junge Frau aus Nieder-Mörlen im Kreis Friedberg in Hessen ihre Hochwassererlebnisse am vergangenen Wochenende. Ein plötzliche Flut, hervorgerufen durch einen Eisstau an einem Wehr des Usa-Flüßchens brachte das Chaos in ihr Haus. Eine Frau, die am Abend zuvor Schlaftabletten eingenommen hatte, mußte halb bewußtlos aus ihrer überfluteten Wohnung geschleppt werden.

Was dann geschah, als man in der Nacht gegen zwei Uhr die Katastrophe bemerkt hatte, zeigt, wie wenig man aus den Tagen des Grauens von Hamburg gelernt hat. Die „Evakuierten“ warteten nämlich vergeblich auf den Einsatz der Polizei. Der wachhabende Beamte war gar nicht in der Lage, die für Katastrophenfälle zuständigen Stellen zu informieren, denn die Alarmliste war veraltet; die Rufnummern stimmten nicht mehr. Eine Behörde schob schließlich die Zuständigkeit auf die andere.

Auch im Landratsamt konnte man sich nicht darüber einig werden, wer nun eigentlich im Überschwemmungsgebiet Nieder-Mörlen eingesetzt werden sollte. Der Sprengmeister des Technischen Hilfsdienstes, den man telephonisch nicht erreichen konnte und den die Polizei deshalb erst herbeischaffen mußte, zuckte hilflos die Achseln: Er habe keinen Sprengstoff. Der nächste Hilferuf ging an die in Friedberg stationierten amerikanischen Truppen. Dort erklärte man sich für nicht zuständig. Ein Anruf beim Technischen Hilfsdienst in der Landeshauptstadt Wiesbaden ergab, daß man zwar bereit sei zu kommen, aber daß dies einige Zeit dauere. Bei der „Lagekritik“ mußte man schließlich feststellen: Erste Meldung über den Eisstau und die Überschwemmung um 2.30 Uhr – erste Sprengung um 8 Uhr.

Nun ist man in Nieder-Mörlen nicht nur verärgert darüber, daß man aus der Hamburger Flutkatastrophe so wenig gelernt hat. Der Groll richtet sich auch gegen das Kreisbauamt: Hätte die Behörde den Leuten nicht sagen müssen, daß in diesem Baugebiet Hochwassergefahr besteht? Hätte sie nicht verbieten müssen, dort zu bauen?