Von Theo Sommer

Kennedys Handlungsreisender in Polaris-Frachtern, Livingstone Merchant, hat die erste Etappe seiner multilateralen Odyssee durch Westeuropas Hauptstädte beendet. In den beiden vergangenen Wochen öffnete er sein Musterköfferchen in Rom, Brüssel, Bonn und London und führte erste Verkaufsgespräche. Die potentiellen Kunden zeigten alle höfliches, Bonn sogar starkes Interesse; ganz befriedigt schien freilich niemand von dem Angebot.

Merchants Mission litt darunter, daß seine Angebots-Unterlagen höchst lückenhaft waren und daß überdies der amerikanische Präsident den Inhalt des Köfferchens in seiner letzten Pressekonferenz rundheraus als Muster ohne Wert gekennzeichnet hat. Übersetzt man Kennedys diplomatisches Amerikanisch in verständliches Umgangdeutsch, dann wird deutlich, wie wenig er mit dem Herzen bei seinen eigenen Atomplänen für die NATO ist. Militärisch hält er die multilaterale Atomstreitmacht für überflüssig. Politisch sieht er in ihr allenfalls eine Beruhigungspille für die Europäer – und für die Amerikaner ein Alibi, das ihnen den Vorwurf mangelnden Entgegenkommens erspart. Wenn aber die Verbündeten in der Alten Welt nach sorgfältiger Überlegung zu dem Schluß kommen sollten, das Ganze sei ebenso unnütz wie unerschwinglich – bitte sehr, gibt Kennedy zu verstehen, um so besser. Dann hätte das Angebot immerhin seinen pädagogischen Zweck erfüllt.

Bisher ist allerdings von der erzieherischen Wirkung noch nicht viel zu spüren. Die Italiener zieren sich, weil sie lieber ihre Raketenkreuzer bei der NATO an den Mann bringen möchten, die Belgier treten aus vielerlei Gründen kurz, den Briten unter der konservativen Regierung Macmillans liegt mehr daran, ihre eigene Flotte von Polaris-Unterseebooten aufzustellen als bei der multilateralen Abschreckungsmacht mitzutun. Aber in Bonn ist zumindest von Hassel noch immer Feuer und Flamme. Und auf Bonn kommt es vor allem an, da ja der amerikanische Vorschlag in erster Linie auf Bonn gemünzt ist, wo der ehemalige Bundesverteidigungsminister Strauß jahrelang versucht hat, den deutschen Finger mit an den westlichen Atom-Drücker zu legen. Die amerikanische Offerte soll den Deutschen jetzt das Gefühl geben, sie würden dieses Privilegs teilhaftig; zugleich jedoch wird durch die vorgeschlagene Konstruktion der Einsatzkontrolle, die Amerikas letzte Entscheidungsbefugnis unangetastet läßt, dafür gesorgt, daß dieses Gefühl eine Fiktion bleibt. Die erhebende Illusion also wird uns teuer zu stehen kommen: Die Europäer zahlen zwar mehr, aber sie bestimmen nicht mehr.

Nach den gegenwärtigen Plänen soll die multilaterale Atommacht aus 25 Raketen-Überwasserschiffen mit je acht Polaris-Geschossen bestehen. Während der nächsten zehn Jahre wird ihre Anschaffung und Wartung, wie Bundesverteidigungsminister von Hassel erklärte, 20 Milliarden Mark kosten (eine Ziffer, die US-Außenminister Dean Rusk "realistisch, aber nicht ganz exakt" nannte). Wahrscheinlich werden die Kosten sehr viel höher werden – und damit nicht viel niedriger als die einer Flotte von Unterseekreuzern. Die USA wollen 35 bis 40 Prozent der Rechnung übernehmen; der gleiche Anteil soll nach dem Wunsch Washingtons auf die Bundesrepublik entfallen. Für die gemischt-nationalen Besatzungen werden 8000 Mann gebraucht; die Raketenfrachter könnten frühestens wohl erst 1967 in Dienst gestellt werden.

Lohnt sich dies Projekt überhaupt? Je mehr darüber zu erfahren ist, desto mehr muß die Skepsis wachsen. Die Verwundbarkeit der Raketen-Überwasserschiffe, für die von Hassel so überraschend die Patenschaft reklamierte, ist durch die Public-Relations-Offiziere des Pentagons nicht aus der Welt geschafft worden; alle Abwehreinheiten, Seestreitkräfte oder Luftwaffenverbände, die diese Verwundbarkeit reduzieren könnten, müßten notgedrungen die Kosten enorm erhöhen. Kennedys Bemerkung, der Ozean sei groß, ist ungefähr so tiefsinnig wie de Gaulles Feststellung, daß England eine Insel sei; sie ändert nichts daran, daß sich die Polaris-Schiffe in dem relativ kleinen Bereich der europäischen Küstengewässer aufhalten müßten. Und dort sollten die Sowjets sie nicht aufspüren können, wo doch ihre Fernaufklärer nicht einmal im Pazifik und im Atlantik Mühe haben, amerikanische Einheiten zu "beschatten"? Auch hapert es noch mit der Zielgenauigkeit bei Raketenabschüssen über Wasser, da die schwimmenden Abschußrampen im Seegang schwer stabilisiert werden können.

Einstweilen haben zudem die wichtigsten Partner, die USA und die Bundesrepublik, offenkundig entgegengesetzte Ziele: die Amerikaner das Ziel, uns von ihrem atomaren Druckknopf fernzuhalten und uns gleichzeitig finanziell so zu binden, daß für eine deutsche Unterstützung der französischen force de frappe kein Raum bleibt; die Bundesrepublik das Ziel einer "Endlösung" (so Adenauer), die näher zu umreißen sich in Bonn keiner traut. Wenn von Hassel wirklich das Vetorecht der Amerikaner zu Fall bringen möchte und der Kanzler gar auf Raketenschiffe mit rein deutscher Besatzung zusteuert, dann zeichnen sich aufs neue endlose vertrauensmindernde Reibereien am Horizont ab.