Fast jede Auseinandersetzung in unserem Land – ob öffentlich, ob privat, ob politisch, ob künstlerisch – wächst sich mit erschreckender Geschwindigkeit zu purer Hysterie aus. Aus notwendiger Verschiedenheit wird so im Handumdrehen das leidige und völlig, sinnlose gegenseitige Vordeklamieren „verletzter Gefühle“.

Genau das droht uns nun auch im Falle „Stellvertreter“.

Da gibt es bereits die halben Wahrheiten, die halben Dementis, die persönlichen Verdächtigungen, das ganze fade Brausepulver unserer Methode, zu polemisieren. Und flugs verschieben sich die Perspektiven. Verhältnismäßig kleingeratene Personen werfen gigantische Schatten, einmal vom Scheinwerferlicht der öffentlichen Meinung erfaßt. So wenig der Herr Augstein ein neuer Ossietzky ist, so wenig scheint mir Rolf Hochhuth ein neuer Schiller. Und beider Sache kann wohl mit solcher Vergrößerung auch kaum gedient sein.

Zudem ist der Fall „Stellvertreter“ einfach nicht wichtig genug, um täglich aufs neue die Tagespresse mit irgendwelchen Meldungen zu versorgen.

Ein großes Thema unserer jüngeren Vergangenheit wurde zur Diskussion gestellt, nachdem es lange, viel zu lange umgangen und ausgespart wurde: die politische Rolle der katholischen Kirche während der Hitlerzeit. Zwei Fakten entziehen sich dabei der subjektiven Spekulation, der persönlichen Zu- oder Abneigung. Einmal das Konkordat, also eine Art Nichtangriffspakt mit der Nazi-Diktatur, zum anderen der versäumte Versuch, durch diplomatische Schritte oder öffentliche Verdammung zum Verbrechen der Judenverfolgung Stellung zu nehmen. Diese beiden Fakten, deren Auswirkungen sich weder aus unserer Geschichte, noch aus der Geschichte der katholischen Kirche entfernen lassen, mußten früher oder später zur Sprache gebracht werden. Denn mit der Vergangenheit kann man sich – auch in unserem Land der halben Sachen – nur ganz und gar oder überhaupt nicht auseinandersetzen.

Hochhuths Stück, das also die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit zu erweitern, zu vertiefen versucht, vermeidet in erstaunlichem Maße polemische Effekte, demagogisches Pathos, es ist einfach, direkt; mehr ergriffen als angreifend geschrieben, mit viel Ernst, Verantwortungsgefühl und immer mit dem Wunsch, gerecht zu bleiben. Dabei gelingt es dem Autor, und das scheint mir bewundernswert, große dramatische Szenen aufzubauen, die ihre Kraft allein aus dem Wort, aus der dialektischen Spannung beziehen. Die Grenzen des Stückes liegen allerdings in seiner konventionellen Form, die konventionelle Handlungsverknüpfungen bedingt, recht überflüssige Konstruktionen, Brücken, Gruppierungen, die eigentlich nur Scharniere sind zwischen den großen und wesentlichen Szenen. Auch auf die Sprache und die bisweilen simple, fast banale Menschenzeichnung wirkt sich das aus, da gibt es manches Abgenutzte, manchen Gemeinplatz. Es ist Gebrauchstheater im besten und notwendigsten Sinn.

Die Inszenierung durch Piscator betonte, merkwürdigerweise, noch diese konventionellen Züge; nachdem eine sehr unglückliche Bearbeitung dem Stück sowieso seine Spitzen und sein inneres Gleichgewicht genommen hatten. Durch das Streichen aller Szenen, in denen die faschistische Gegenseite dargestellt wird, verlor eine so zentrale Gestalt wie der SS-Offizier Gerstein jegliche Kontur, jeglichen Charakter. Über vielen Zünd- und Sprengstoff wurde so der Schleier des Wackeren gelegt. Das sinnlose Fragment, das vom letzten Bild übrigblieb, wäre besser ganz fortgefallen, weil es – in dieser Form – einfach unter das Niveau des Stückes und des Autors gerät.