Zwei statistische Untersuchungen aus Bonn und Hannover zeigen, daß viele Flüchtlinge noch längst nicht den Anschluß gefunden haben: Die Zahl der von Vertriebenen geführten Handwerkbetriebe ist viel geringer als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde; ebenso verhält es sich bei den Industriebetrieben.

In einer Veröffentlichung berichtet das Bundesvertriebenen-Ministerium, daß sich unter den am 1. Januar 1962 im Bundesgebiet registrierten 767 551 Inhabern von Handwerksbetrieben nur 66 141 Vertriebene und Flüchtlinge befanden. Das sind knapp 9 %, bedeutend weniger als der Flüchtlingsanteil an der Gesamtbevölkerung, denn der beträgt 24,6 %.

Nach einer Untersuchung des niedersächsischen Vertriebenen-Ministeriums befinden sich in diesem Land 17 % der insgesamt 7 827 Industriebetriebe in den Händen von Vertriebenen und Flüchtlingen. Nimmt man die Industrie- und Handwerksbetriebe Niedersachsens zusammen, dann erreicht der Anteil der Vertriebenen und Flüchtlinge knapp 12 %. Dagegen liegt der Bevölkerungsanteil beider Gruppen in diesem Land bei reichlich 33 %.

Die überraschend große Diskrepanz zwischen dem Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung und an den Inhabern von Handwerksbetrieben rückt allerdings zwei Momente in ein günstigeres Licht: Zunächst ist da die bemerkenswerte Entwicklung, daß sich die Zahl der selbständigen Vertriebenen-Handwerker in den letzten zwölf Jahren stark erhöht hat von 51 354 auf 66 141; zur gleichen Zeit ging die Gesamtzahl der westdeutschen Handwerksbetriebe beträchtlich zurück von 929 224 am 1.1.1950 auf 767 551 am 1.1.1962. Das ist ein Rückgang um reichlich 17 %, während zur selben Zeit die Anzahl der Handwerksunternehmen von Vertriebenen um beinahe 29 % zunahm.

Zahlreiche Einzelbeobachtungen erklären diese gegenläufige Entwicklung und unterstützen die Annahme, daß der Eingliederungsprozeß noch voll im Gange ist. Viele Flüchtlinge konnten in den ersten Jahren nach der Flucht nicht mehr anstreben als einen guten Arbeitsplatz und die Bildung eines neuen Hausstandes. Erst als das erreicht war, regte sich bei vielen – keineswegs bei allen! – der Wunsch, wieder selbständig zu werden.

Eine völlige Übereinstimmung des Bevölkerungsanteils der Vertriebenen mit dem Anteil an selbstständigen Handwerksexistenzen wird sich jedoch nicht erreichen lassen. K. D.