N. G., Köln

Als am 28. Februar, morgens gegen zehn Uhr, eine Militärmaschine der Bundeswehr auf dem Flughafen Wahn startete, atmete der Arzt Dr. Geller, Angestellter des Rheinischen Landeskrankenhauses in Bonn, erleichtert auf. Erst als die Maschine am Horizont verschwunden war, verließ auch er den Flugplatz und fuhr nach Bonn zurück. Von dort meldete er der Gesundheitsabteilung des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln telephonisch: „Er ist fort.“ Diese drei Worte hatten die Herren des Landschaftsverbandes sehnlich erwartet. Erst jetzt konnten sie glauben, daß ein Problem gelöst worden war, dem sie seit dem 11. August des vergangenen Jahres hilflos gegenüber gestanden hatten.

An diesem Tage wurde in das Rheinische Landeskrankenhaus in Bonn – Träger dieser psychiatrischen Klinik ist der Landschaftsverband – der siebenunddreißigjährige Lette Janes Valkowskis eingeliefert. Der Mann hatte als Patient der Bonner Universitätshautklinik einen Selbstmordversuch begangen. Doch schon fünf Tage später, am 16. August 1962, stellte der ärztliche Direktor des Landeskrankenhauses fest: Die zwangsweise Unterbringung des Kranken auf Grund seines Zustandes sei nicht mehr gerechtfertigt. Am kommenden Tag sollte die Universitätshautklinik ihren Patienten wieder abholen. Doch die Eile’ war vergebens. Noch am gleichen Tage erhielten das Landeskrankenhaus und der Landschaftsverband eine Ordnungsverfügung vom Amtsgericht in Bonn mit dem Bescheid, Valkowskis sei weiterhin im geschlossenen Teil des Landeskrankenhauses abzusondern. Diese Verfügung, so hieß es weiter, müsse im öffentlichen Interesse sofort vollzogen werden. Übermäßig erstaunt konnte der Landschaftsverband über dieses richterliche Machtwort nicht sein: Von Anfang an wußte man, daß der Selbstmordkandidat der einzige Leprakranke des Landes Nordrhein-Westfalen war.

Schon seit 1959 wurde der staatenlose Lette Valkowskis in Fachkliniken der Bundesrepublik gepflegt. Im Kriege war er Angehöriger der deutschen Wehrmacht. Nach 1945 soll er bei verschiedenen alliierten Truppen gedient haben, unter anderem auch bei der Fremdenlegion. Auf seinen Irrfahrten als Staatenloser holte sich der Lette die gefährliche Hautkrankheit. 1959 kam er in das Tropeninstitut nach Hamburg. Im April 1962 wurde er auf Bitten des Tropeninstitutes, das den Kranken „wegen Umbauten und Renovierungsarbeiten“ nicht länger beherbergen konnte, nach Bonn überwiesen. Dazu meint man im Landschafts verband: „Dieser Vorgang ist eine etwas dunkle Angelegenheit.“

Aber auch in der Bonner Universitätshautklinik sann man bald nach Möglichkeiten, den Leprakranken wieder „abzuschieben“. Die Einrichtungen der Klinik entsprachen kaum den Bestimmungen für diese Krankheit. Eine gesonderte Isolierstation stand nicht zur Verfügung. Zudem weigerte sich das Pflegepersonal, zum Teil aus Angst, den Aussätzigen zu versorgen. Nach seinem Selbstmordversuch und seiner Einweisung in das psychiatrische Krankenhaus, teilte deshalb der Direktor der Hautklinik dem Gesundheitsamt der Stadt Bonn mit, keine der Universitätskliniken verfüge über eine „geschlossene Abteilung“. Auch sie könnten also die durch den Kranken hervorgerufene Seuchengefahr nicht abwenden.

Eine geschlossene Station im Räume Bonn hat nur das Landeskrankenhaus – zur Absonderung von Geisteskranken. Umsonst erhob das Landeskrankenhaus Einspruch gegen die Ordnungsverfügung und gab zu bedenken: „Es besteht eine unmittelbare Gefahr für die Ausbreitung der Leprakrankheit im Räume Bonn, wenn der Patient Valkowskis, bei dem keinerlei psychische Störung besteht, nicht umgehend einer geeigneteren Einrichtung zugeführt wird.“ Die Bonner Verwaltung jedoch war froh, daß sie endlich ein Quartier für den Leprakranken gefunden hatte. Eine deutsche Leprastation gibt es seit Beginn des Krieges nicht mehr. Ein Seuchenkrankenhaus steht in Nordrhein-Westfalen nicht zur Verfügung. Der Lette wurde also am 17. August in der Infektionsstation des Landeskrankenhauses untergebracht. Man richtete ihm einen Aufenthaltsraum mit Schlafgelegenheit ein, eine Küche, ein Bad mit Toilette und einen Abstellraum. Dazu kam noch ein Zimmer für drei Pfleger. Der Arzt Dr. Geller, der Valkowskis behandelte, meinte: „Das war der erste Leprafall meines Lebens. Ich kannte die Krankheit nur aus den Lehrbüchern.“

Der Leprakranke verursachte jedoch noch andere Schwierigkeiten. Geisteskranke Frauen, die vorher wegen Platzmangel in der Infektionsstation untergebracht waren, mußten nun auf Notlagern schlafen. Obendrein lärmten sie am Tage vor seinen Räumen. Er konnte daher nur abends gegen 21 Uhr an die frische Luft geführt werden. Der Landschaftsverband prozessierte währenddessen gegen die Verfügung des Bonner Amtsgerichtes. Am 9. Oktober urteilte das Oberverwaltungsgericht in Münster: „Daß Valkowskis... in der Frauenabteilung einer Heilanstalt für Geisteskranke untergebracht ist, deren Patienten deshalb zum Teil auf dem Fußboden nächtigen müssen und durch die Anwesenheit eines Mannes beunruhigt werden, entspricht weder dem öffentlichen Interesse an einer sachgerechten Betreuung von Geisteskranken noch dem öffentlichen Interesse an einer ... ärztlichen Betreuung für Leprakranke.“ Laut Gerichtsbeschluß und kraft des Bundesseuchengesetzes wurde das Land Nordrhein-Westfalen verpflichtet, eine Baracke für den Leprakranken zur Verfügung zu stellen.

Bevor jedoch für den Letten ein Fertighaus für 50 000 Mark auf dem Gelände der Bonner Universitätskliniken errichtet wurde, rettete der Bonner Amtsarzt Dr. Günther die Verwaltungsstellen aus ihrer Hilflosigkeit. Er hatte die französische Leprosenstation Valbonne ausfindig gemacht, dreißig Kilometer von Orange entfernt. „Dort kann der unglückliche Mann sich frei bewegen“, meint Dr. Günther, „für die Leprakranken wird gut gesorgt.“ Der Lette erklärte sich mit dem Transport nach Frankreich einverstanden. „Doch mache ich grundsätzlich zur Bedingung“, schrieb Valkowskis in einem Brief an den Direktor des Landschaftsverbandes, „daß ich dann und auch späterhin wieder in die Bundesrepublik einreisen darf, wenn ich meinen Aufenthalt in Frankreich zu beendigen wünsche.“ Für den Fall, daß der staatenlose Lette noch einmal nach Deutschland zurückkehrt, verkündete das Innenministerium in Düsseldorf schon vorsorglich: „Erstverpflichteter für eine nochmalige Unterbringung des Leprakranken wäre dann das Land Hamburg. Denn dort kam er 1959 zuerst hin...“