Von Gottfried Sello

Jeder redet von der „Krise“, in jeder Galerie, bei jeder Vernissage, von der Rue de dabei bis zum Faubourg Saint-Honoré. Und oder blüht die Kunst an beiden Ufern der Seine, oder du scheint zu blühen, wie eh und je. Das Bulletin du Comité Professionel des Galeries d’Art verzeichnet, getrennt nach das gauche und rive droite, 60 Galerien. Aber das sind nur die professionellen, die organisierten.

Im ganzen hat Paris reichlich über 300 – mehr als sämtliche Städte in Deutschland zusammen. Und das ist nicht einmal so viel, wenn man diese Zahl nicht zur Zahl der Einwohner, sondern zur Zahl der Maler in Beziehung setzt, die für Paris zwischen 30 000 und 50 000 geschätzt wird. Geschätzt, eine genaue Statistik versagt. Denn diese 30 000 bis 50 000 sind alles mögliche, Chauffeure, Nachtportiers, Gelegenheitsarbeiter, auf dem professionellen Fragebogen. Wie sollten sie sonst erstens ihren Lebensunterhalt bestreiten und zweitens die tausend neuen Francs aufbringen, die eine Ausstellung wenigstens kostet. Die Galerien leben von den Malern, die kleinen von der Miete, die großen vom Bilderverkaufen, und die halbwegs arrivierten Maler leben dann ihrerseits von den Galerien, bekommen ihren Monatswechsel gegen Lieferung der anfallenden Produktion.

Ausstellungen und Vernissagen in jeder Preislage, vom gemütlichen Umtrunk – der Maler und ein paar Freunde und geb’s Gott ein paar Gönner und die freundliche Madame, Galeriebesitzerin, die früher selber gemalt hat oder wenigstens Modell war oder einen Bijouterieladen hatte oder sich mit einem Künstler liiert hat – bis zum gesellschaftlichen Ereignis.

Der Abbé Morel in der Galerie Roque! Exklusive Klientel drängt sich in der Avenue de Messine. Im Handumdrehen sind ein Dutzend Bilder verkauft. Es ist die erste Ausstellung des Abbés, eine Sensation. Paris kennt ihn als Theoretiker, als Wegbereiter der modernen Kunst. Er hält seit vielen Jahren Vorträge an der Sorbonne, er war ein Freund von Rouault, hat das Vorwort zu seinem „Miserere“ verfaßt.

Die zartfarbigen, behutsamen Abstraktionen sind aus zwei Motivkreisen hergeleitet, dem Wald und dem Mineral. Weil ihn der Stein interessiert als die kleinste Einheit der Kathedrale, sagt der Abbé, und er habe sich ein Leben lang mit der Malerei beschäftigt, genau seit dem Tag der Ersten Kommunion, als er im Museum von Besançon einen Cranach gesehen habe. Nachher wird mit den Hausmalern der Galerie opulent getafelt. Der lustige Le Moal sitzt dabei, und Bertholle und der deutsche Maler Greis, der seit ein paar Jahren ein Atelier in La Frette hat, mit Blick auf die Seine. Der Abbé, neben Monsieur Roque, dröhnt gute Laune, erzählt derbe Späße von Künstlern und Klerikern.

So heiter ist die Kunst in Paris – trotz der Krise, von der jeder redet, die jeder anders versteht. Kritisch ist die Situation auf dem Kunstmarkt, was die obersten Ränge betrifft. Die sieben fetten Jahre sind vorüber, fett für die Manager, die Händler, die Künstler. Nicht die mittlere Preislage, die Spitzenklasse ist ins Rutschen gekommen, die gefeierten Häupter der Ecole de Paris: Hartung, Soulages, Poliakoff, Bissiere, auch Manessier, der gerade erst, im vergangenen Jahr, den Großen Preis der Biennale einheimste – der eine mehr, der andere weniger, alles, was sich in der Preislage von 50 000 Mark und darüber bewegt. Auch der verstorbene de Staël ist in den allgemeinen Abwärtstrend hineingerissen, nach märchenhaftem postumem Aufstieg.