Ohne Lüster, ohne Spiegel: Theater in einer Provinzstadt

Von Hans Rudolf Hilty

Einiges weiß man doch von Ulm: Man kennt den Zungenbrecher „In Ulm, um Ulm und um Ulm rum“, man kennt das Münster mit seinem Turm, 161 Meter hoch, den „Schneider von Ulm“ und seine Versuche, sich in die Lüfte zu erheben. Eingeweihte wissen überdies, daß Johannes Kepler zwei Jahre hier gelebt hat, ehe er Wallenstein aus den Sternen las, daß der Dichter Friedrich Schubart, dem Schiller die Story seiner „Räuber“ verdankte, hier seine freigesinnte „Deutsche Chronik“ herausgab und daß Albert Einstein hier geboren worden ist. Die Hochschule für Gestaltung hat im letzten Jahrzehnt zum Ruhm oder wenigstens doch zur Publicity der Stadt beigetragen. Vom Ulmer Theater aber spricht man erst neuestens, seitdem hier eine Gruppe von Sellner-Schülern an der Arbeit ist und Dinge macht, die nicht nur in Ulm, um Ulm und um Ulm rum aufhorchen lassen. Ich kam zur Uraufführung einer Neufassung des „Oedipus“ von Sophokles.

„Bis nachher“

Man spielt – die Ironie der Verhältnisse will es so – in der Richard-Wagner-Schule, einem massigen Schulbau aus Wilhelminischer Zeit, in dem das Ulmer Theater vorübergehend Zuflucht gefunden hat. Aus der Turnhalle wurde ein Theatersaal mit Kinogestühl. Ein Schulzimmer wurde zu einer Studiobühne, ein anderes zum Theaterrestaurant. Kein großer Aufwand, komfortabel ist das alles nicht, auch nicht sehr feierlich; keine Lüster, keine Spiegel. Nicht durch ein Theaterportal, sondern durch die schwere Haustür des sechzigjährigen Schulhauses drängt das Publikum.

Freilich, die Ulmer lassen sich durch die Schulhausatmosphäre nicht hindern, sich zu einer Premiere schön zu machen. Man trägt Abendanzug, die Damen vornehmlich das „kleine Schwarze“, nicht selten mit Dekolleté. Eleganz verbreitet sich etwas verloren in dem unwirtlichen Korridor; man fühlt sich an die Polonäse durch ein Hotel erinnert, wo man in Balltoilette durch jene Räume und Treppen rauscht, die sonst nur dem Personal vorbehalten sind. Und es tut sich eine Art Geselligkeit „unter Bekannten“ auf.

Was der Theateratmosphäre an sichtbarer Feierlichkeit fehlt, wird durch persönliche Herzlichkeit wettgemacht. Intendant Uli Brecht, mit sportlichem Lächeln und großen, versonnenen Augen, schüttelt Hände. Regisseur Rolf Becker schlängelt sich durchs Publikum und nickt: „Bis nachher.“ Übrigens, der schlanke junge Mann, der sich bescheiden „Dietz, Assistent“ vorstellt, soll ein Prinz von Hessen sein, ein Neffe der griechischen Königin. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Königin der Hellenen höchstselbst auftauchen würde, um zu sehen, was ihr Neffe bei der Inszenierung eines griechischen Königsdramas als Regieassistent leistet, denn schon sind mir Mutter und Schwester des Regisseurs und die Mutter des Chefdramaturgen vorgestellt worden.