Wenige Tage, nachdem dem Geschäftslührenden Vorsitzenden der CDU, Josef-Hermann Dufhues, auf einer Pressekonferenz die Bemerkung entschlüpft war, die Gruppe 47 sei so eine Art „geheime Reichsschrifttumskammer“ und er sinne seit langem über Mittel und Wege nach, die mißliche Situation zu „entgiften“, lud ihn Hans Werner Richter zu einem Gespräch mit einigen der betroffenen Schriftsteller ein. Das war am 29. Januar. Vier Wochen lang blieb er ohne Antwort; inzwischen trennte sich der Westdeutsche Rundfunk von Wolfdietrich Schnurre, die CDU-Angriffe auf das „Panorama“ nahmen ihren Fortgang, angeblich wurde auch aus Bonn bei den Funkhäusern telephonisch nachgefragt, wer von den Mitarbeitern der Gruppe 47 angehöre. Ende Februar schließlich kam doch noch ein Brief von Dufhues, und den wiederum lieb Richter nicht unbeantwortet. Hier sind Auszüge aus diesem Briefwechsel, der späteren Chronisten unserer ärmlichen Tage, sollten sie Auskunft darüber suchen, warum denn zu einer Zeit, da der Zwiespalt zwischen Schriftstellern und Staat noch hätte reparabei sein müssen, nicht wenigstens der Versuch gemacht wurde, die Kontroverse offen auszutragen – der diesen möglichen späteren Chronisten ein Exempel dafür in die Hand gibt, wie und warum so etwas scheitert.

Sehr geehrter Herr Dufhues,

... So sehr ich die Bezeichnung „Reichsschrifttumskammer“ zurückweisen muß und so wenig ich Ihre Besorgnis verstehe, so sehr begrüße ich andererseits einen Meinungsaustausch. Auch mir liegt an einer Entgiftung der Atmosphäre, falls eine Vergiftung wirklich gegeben ist. Eine solche Entgiftung ist aber nach meiner Überzeugung und Erfahrung niemals durch Pressionen ganz gleich welcher Art möglich. Man sollte also einmal einen anderen Weg versuchen ... nämlich den Weg des Gesprächs.

Ich lade Sie deshalb herzlichst zu einer Zusammenkunft mit den Schriftstellern der Gruppe 47 hier in Berlin ein. Dieser erste Meinungsaustausch sollte nach meiner Ansicht privaten Charakter tragen und unter „Ausschluß der Öffentlichkeit“ stattfinden. Dies, weil ich mir mehr davon verspreche. Sollten Sie aber eine öffentliche Diskussion für richtiger halten, so sind wir auch dazu bereit...

Mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr Hans Werner Richter

Sehr geehrter Herr Richter!