Ein beliebter Vorwurf: der Hinweis auf den Jahrgang

Das, was Horst Krüger kürzlich in der ZEIT als die „biographische Methode“ rügte – die Methode, einen Gegner zu erledigen, indem man in seinen Personalien wühlt – tritt mit Vorliebe in einer besonderen Spielart auf: Man fragt nach dem Alter des Gegners. Beispiele für diese grassierende Sitte liefert im Augenblick der Fall Hochhuth in Hülle und Fülle.

Nicht nur in dem sozusagen subliminalen Bezirk der öffentlichen Meinung, in dem Bezirk, der auf der Bühne als „Volksgemurmel“ hörbar wird und sich im Leben zum Beispiel in einer bestimmten Sorte von Leserbriefen artikuliert, selbst in offiziösen und offiziellen Stellungnahmen taucht er immer wieder auf, der Hinweis auf das jugendliche Alter des Autors: Als sich zutrug, was er jetzt, mit zweiunddreißig Jahren, darzustellen unternimmt, war er gerade zwölf Und wo man mit ihm uneins ist, wird das in dem Ton gesagt, der bedeutet:... also möge er gefälligst den Mund halten.

Was das als Argument wert ist, liegt auf der Hand. Wer es allen Ernstes gebraucht, begibt sich in jenes Souterrain der Auseinandersetzung, in dem man sich unbequemer Meinungen mit dem Hinweis erwehrt, ihr Vertreter habe im übrigen eine Glatze. Und es ist kein Wunder, daß er den solcherart disqualifizierten Jüngeren regelmäßig nahelegt, sich im gleichen Stil zur Wehr zu setzen und den Älteren vorzuhalten, sie drückten sich um die Beschäftigung mit jener Vergangenheit, die seltsamerweise die unbewältigte heißt(als gäbe es ein endgültiges Fertigwerden, einen erleichternden Schlußstrich, als bestehe die einzig mögliche Bewältigung nicht gerade darin, nicht fertigzuwerden und die Vergangenheit mit in die Zukunft hineinzunehmen!), sie zwängen sie, die heute gerade Dreißigjährigen, Leute wie Hochhuth, Schoenberner, Geißler, Walser, an ihrer Stelle zu sprechen. Was – in dieser Form – dann auch wiederum nicht stimmt, denn diese Jüngeren würden natürlich auch dann nicht schweigen, wenn ihnen ihre Väter einen größeren Teil der Arbeit abgenommen hätten.

Was hinter den abwehrenden Hinweisen auf das jugendliche Alter dieses oder jenes ungemütlichen Autors steht, ist meistens völlig klar: die Befürchtung, von Menschen der Schwäche beschuldigt zu werden, die selber nicht bewiesen haben, daß sie in einer entsprechenden Situation nicht versagen würden.

Dabei ist diese jüngere Generation in einem erstaunlichen Maße frei von dem Gefühl, aus besserem Zeug gemacht zu sein – erstaunlich, wenn man bedenkt, von welchen Geschehnissen es sich da abzusetzen gilt. Es fehlt ihr das besserwisserische Pathos, es fehlt ihr die Generations-Solidarität und -Komplizität, die mit einem erhabenen „Wir, die Jungen ...“ auftrumpfen würde. Wenn sie sich der Beschäftigung mit dem Geschehenen nicht entzieht, dann keineswegs, um abzurechnen mit den Eltern. Sie tut es vielmehr, weil sie Aufschluß gewinnen möchte, gewinnen muß über ihre eigenen Ressourcen. Und weil ihnen Furcht und Elend des Dritten Reichs durchaus noch nicht pure „Historie“ ist, ein beliebiges, neutrales Paradigma.

Der Fall Hochhuth ist ein gutes Beispiel. Der Zweiunddreißigjährige betont, daß er selber von Krieg und Nachkrieg völlig verschont blieb – sicher, damit niemand in die Versuchung kommt, sein Stück als einen persönlichen Vergeltungsakt zu deuten. Und wie er an seinen Gegenstand geriet, beschreibt er so: „Immer und immer wieder fragte ich mich, was ich selber getan hätte, wäre ich damals alt genug gewesen, zu handeln. Das veranlaßte mich zu untersuchen, was der oberste Vertreter der christlichen Idee der Barmherzigkeit angesichts des Massenmordens unternommen hatte.“

Und das sollten ihm seine Kritiker glauben. Nicht um zu rechten, geben Leute wie er keine Ruhe, sondern um sich ihrer selbst zu vergewissern. Dieter E. Zimmer