Es klappte, wieder einmal, alles wie am Schnürchen. Auch der jüngste Militärputsch in Syrien, der achte innerhalb von vierzehn Jahren, war eine „Bilderbuch-Revolution“. Der junge Oberst Hariri, der sich mit der Regierung in Damaskus überworfen hatte, sammelte am vorigen Donnerstag seine Soldaten um sich, marschierte in der Nacht auf die Hauptstadt zu, besetzte in den Morgenstunden die Rundfunkstation, verkündete den Sturz der Regierung und brachte erst einmal, mit Hilfe der nun zu ihm gestoßenen Verbände der übrigen Armee, die Minister hinter Schloß und Riegel. Es fielen keine Schüsse, es. wurde kein Blutbad angerichtet. Auf den Straßen von Damaskus jubelten die Massen. Es war eine für Syrien typische „friedliche Machtübernahme“.

Der Putsch hatte seit langem in der Luft gelegen. Die Regierung unter dem Präsidenten Narzem El-Kudsi war von Anfang an als „isolationistisch“ und „reaktionär“ verschrien. Eine Kabinettskrise folgte der anderen, Minister traten ihr Amt ab, unliebsame Offiziere kamen vor den Gerichtshof oder wurden als Militärattachés auf Auslandsposten abgeschoben. Was die Ereignisse schließlich ins Rollen brachte, war der Sturz Kassems im benachbarten Irak. Die Vorgänge in Bagdad lieferten das Modell für den syrischen Staatsstreich, der auf den Tag genau einen Monat später erfolgte. Auch in Damaskus sind nun wie in Bagdad die gemäßigten panarabischen Baathisten an der Macht. Zu ihnen gehört allen voran der neue Ministerpräsident und Außenminister Salah Bitar, einer der Initiatoren jener „Sozialistischen Partei der arabischen Wiedergeburt“, die vor 13 Jahren in Syrien ins Leben gerufen worden ist.

So unstet und verworren die Situation im Nahen Osten war, so voller Wechselfälle war auch die Geschichte dieser arabischen Erweckungsbewegung. Ihre Losung: „Einigkeit, Sozialismus, Freiheit“. Ihr Ziel: der Zusammenschluß der arabischen Länder „vom Atlantik bis zum Persischen Golf“. Aber die Führer zerstritten sich bald über die Frage, mit welchen Methoden das Einigungswerk vollendet werden sollte.

Erst huldigten sie Nasser, verehrten ihn als einen arabischen Propheten, und bereiteten den Zusammenschluß von Kairo und Damaskus zur „Vereinigten Arabischen Republik“ vor. Akram Hourani, einer der Mitbegründer der Baath-Partei, trat als Vizepräsident in das VAR-Kabinett ein, Salah Bitar als Kultusminister. Dann aber, als sich drei Jahre später Syrien, von Nasser lossagte, entdeckten auch die Baathisten ihre Abneigung gegen die Machtpolitik Kairos. Sie schlossen sich den aufständischen syrischen Offizieren an und propagierten nun wieder ihren „eigenen Weg“ des panarabischen Sozialismus. Eine Zeitlang versuchte Hourani, der sich in einen glühenden Feind Nassers verwandelt und die Führung des radikalen Baath-Flügels übernommen hatte, mit der neuen bürgerlich-konservativen Regierung übereinzukommen, aber schließlich überwarf er sich doch mit ihnen. Heute hat er sich fast alle syrischen Politiker zu Feinden gemacht und muß sich vor der Polizei verbergen.

Geschickter operierte Bitar, der zusammen mit dem Chefideologen und Generalsekretär Michel Aflak den „fortschrittlichen“ Flügel der Baathisten anführt. Bitar, ehemaliger Studienrat und Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der vor seinem Einzug in die politische Arena Lehrbücher über Physik, Astronomie und Mathematik verfaßt hatte, brach auch nach 1961 und nach dem Verbot seiner Partei in der VAR nicht alle Brücken zu Kairo ab. Noch heute verehrt er in Nasser einen mächtigen politischen Vorkämpfer der „arabischen Sache“. Die syrischen Offiziere des Revolutionsrates verkündeten nach ihrem geglückten Umsturzversuch über den Sender Damaskus – im Namen Gottes und des Arabertums: „Die Reaktion, die vom Imperialismus und vom Opportunismus gelenkt wurde, zeigte sich in ihrer wahren Gestalt. Sie nützte die zu Beginn der Union begangenen Fehler aus. Sie verschwor sich gegen die Republik. So entstand die Katastrophe der Trennung zwischen Ägypten und Syrien.“

Der gewandte, heute 51jährige Bitar ist während seiner Amtszeit als VAR-Minister durch eine harte Schule gegangen. Auch er hatte bald die Schwächen der Regierungspolitik Nassers erkannt und lehnt seitdem die Ein-Mann-Herrschaft, den Ein-Parteien-Staat, und das Sozialisierungsprogramm Kairos strikt ab. Doch ist er klug genug, die Tür zu dem „arabischen Bruder“ nicht völlig zuzuschlagen.

Mit den neuen Männern in Bagdad, die sogleich eine Regierungsdelegation nach Damaskus entsandten, plant er eine Föderation der arabischen Staaten. Einen militärischen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluß. Dafür hat er nicht nur die Rückendeckung seines Kabinetts, das zur Hälfte aus Baathisten gebildet wurde. Er kann auch mit der Zustimmung der Militärs rechnen, die ihn in den Sattel hoben und die es ebensowenig wie er zu einer Neuauflage der Union zwischen Kairo und Damaskus kommen lassen wollen.