Von Johannes Jacobi

Gerhart von Westerman ist tot, und Professor Tiburtius ist nicht mehr Senator. Ein gutes Jahrzehnt lang hatte von Westerman die Berliner Festwochen geleitet. Ihr Erfolg war seine Leistung. Der Kultussenator Tiburtius hielt während seiner zwölfjährigen Amtszeit seine oft tatkräftige Hand schirmend über eine kulturelle Institution, die mehr als „Festspiele“ bedeutete. Die Berliner Festwochen waren eine Berliner Spezialität geworden.

Nach der Abschnürung Westberlins von Osten muß das „Schaufenster“ der Festwochen nach Westen gedreht werden. Wenn vorher das künstlerische Berlin sich selber darstellte, wenn es in den Zeitraum von drei Wochen eine Halbjahresportion an Theater, Musik und anderen Künsten zusammendrängte, dazu westdeutsche und ausländische Leistungen gastweise ausstellte, dann war Berlin die deutsche Hauptstadt.

Bis zum 13. August 1961 konnten auch unsere politisch getrennten Landsleute in diesen Spiegel blicken. Viele Besucher aus Ostberlin und der Zone kamen zu den Festwochen nach Westberlin. Seitdem es die Mauer gibt, bilden Hörfunk und Fernsehen die einzigen Kanäle nach drüben.

Westberlin kulturell stark machen, heißt jetzt, auch im Rahmen der Festwochen mehr investieren. Praktisch gesprochen: Seine Verflechtung mit Westdeutschland und mit dem westlichen Ausland muß sichtbarer werden. Nicht so sehr durch Importe von solchen Gastspielen, wie sie für jedes bessere Festival nur eine Frage des Geldes sind – sondern als Funktion, als lebendige Wechselwirkung.

Berlin ist durch seine kurze, aber bedeutende Tradition berufen, künstlerische Maßstäbe zu setzen. Doch muß es sich auch selber der vergleichenden Kritik aussetzen. Was früher Provinz hieß, ist notgedrungen selbständig geworden. Hauptstädtische Ansprüche sind entstanden in Theaterstädten, die sich, einst nach Berlin als der Spitze richteten. Ist das arrogant? Berlins Festwochen wären eine Gelegenheit, Anspruch und Leistung zu überprüfen – beiderseits.

Berlin unterhält die höchstdotierte deutsche Oper. Ist sie schon wegen dieser Dotierung für Deutschland repräsentativ? Wo einst Vorbilder geprägt wurden – um nur die Wagner-Pflege als Beispiel hervorzuheben – da gibt man sich augenblicklich mit Bayreuther Reprisen zufrieden.