Es ist leicht, im Kulturteich der Gegenwart Fische zu fangen. Ein verhältnismäßig unbekannter Schriftsteller (glühende Zangen werden mir den Namen nicht entreißen, denn es ist mein eigener) schrieb vor geraumer Zeit einen verhältnismäßig unbekannten kleinen Roman, in dem er eine unsympathische Figur eine bestimmte rheinische Wochenzeitung lesen ließ. Das Blatt ließ sich dazu ködern, noch während der Frankfurter Buchmesse einen zweispaltigen Verriß dieses armen Erstlings zu bringen – und ein gewisser kritischer Erfolg war damit gemacht.

Großes Ehrenwort: dieser Effekt war nicht beabsichtigt, er war nicht einmal vermutet. Aber immerhin hat genannter Schriftsteller durch Erfahrung gelernt, und als Hochhuth seinen viel massiveren Köder in den Kulturteich senkte, da war diesem Beobachter klar, daß sich die großen Walfische aus der Tiefe erheben würden. Ich gönne Hochhuth das Geschäft; ich glaube ihm ohne weiteres, daß es ebensowenig beabsichtigt war wie im eingangs erwähnten Fall. Aber aufs Ganze gesehen muß man die Promptheit und die Blindheit bedauern, mit der die großen Fische auf gewisse Stimulantia reagieren. Es ist der wahren und wahrhaftigen Diskussion gar nicht dienlich.

So wird auch Hochhuth nie mehr wirklich erfahren können, ob sein Stück antikatholisch ist. Zu viele Prominente haben es ihm aus zu vielen falschen Gründen bereits lauthals bestätigt.

Persönlich würde ich sagen, daß ich es nicht antikatholisch finde. Was mich stört, ist der Verzicht auf Wirklichkeit, den Hochhuth stellenweise geübt hat. So widmet er sein Stück jenem Pater Maximilian Kolbe, der nach mehrmonatigem Aufenthalt in Auschwitz freiwillig mit einem Familienvater tauschte, der zum Hungertod verurteilt wurde, und so zugrunde ging – Trost seinen Nächsten bis zuletzt. Im Vergleich mit dieser wirklichen Gestalt mutet der Ausflug Riccardo Fontanas zu den Öfen eher wie der Frontbesuch eines Prominenten von dunnemals an: „Seine königliche Hoheit begab sich höchstpersönlich in allerhöchste Lebensgefahr, indem sie sich dreieinhalb Granateinschlägen aussetzte.“ Ferner stört mich – ganz allgemein – die Angst, daß jede theatralische Formung jener Greuel hinter unserer historischen Erfahrung zurückbleiben muß und daß es auch Hochhuth nicht gelungen ist, aus dieser Not eine dichterische Tugend zu machen.

Aber wie gesagt: darüber zu reden, ist bereits weitgehend unmöglich geworden. Der Leviathan ist aus der Tiefe gestiegen, nämlich die kompakte Masse des organisierten deutschen Katholizismus (Monsignore Leiber wird mir nicht böse sein, wenn ich ihn, in diesem speziellen Fall, dem deutschen Katholizismus zurechne), und zwar auf den vorauszusagenden Köder zu: auf die Gestalt und die Rolle Pius’ XII.

In dieser Art von Polemik aber stimmt es selten, und so stimmt es auch hier nicht. Gerade was man dem Autor vorwirft – sein jugendliches Alter – erklärt weitgehend, was da an der Polemik nicht stimmt. Der 32jährige Hochhuth behandelt ein – für ihn – historisches Thema. Wir sind nicht befugt, ihm im Falle Pius’ XII. eine Schutzfrist aufzuerlegen, die kein ernstzunehmender katholischer Publizist – sagen wir – im Fall Julius II. geltend machen würde. Im Grunde tut er, was auf andere Weise Reinhold Schneider getan hat: Er beschäftigt sich mit dem Dilemma zwischen Macht und Gnade. Schneider hat als Beispiele unter anderem die Päpste Innozenz III. und Cölestin V. gewählt; Hochhuth wählt den – für ihn – historischen Papst Pius XII. Er stützt sich dabei auf eine Dokumentation, die man nun vollständig oder unvollständig nennen will, die es ihm aber erlaubt, seinen Fall so darzustellen, wie er es für richtig und dringlich hält.

Daß er den Papst, den er behandelt, nicht besonders mag, darf man unterstellen. (Hier wäre ein weiterer literarischer Vorwurf fällig: Was Hochhuth im dokumentarischen Teil gesteht, sollte er im Stück auch verwirklichen.) Wiederum ist es kein Glaubenssatz, auch kein Satz proxima fidei, daß man einen Papst sympathisch finden muß – zumal dann, wenn man ihm einen so schweren Vorwurf machen zu müssen glaubt wie Hochhuth.