Paris, im März

De Gaulles Verhältnis zur Wirtschaft ist kühl. Sie interessiert ihn nur insoweit, als sie seine Politik hindert oder fördert. Was er erwartet, ist eine zuverlässige Stabilität der Währung, der Preise und der Beschäftigung, die er als entscheidende Voraussetzung seiner Außenpolitik betrachtet. Die inflationistische Entwicklung der letzten Monate ist für ihn deshalb eine ähnliche Herausforderung, wie es früher der Putschversuch einer Offiziersclique war: In beiden Fällen gilt es, „die Stirne zu bieten“. Und so ermunterte General de Gaulle seine Minister in der letzten Kabinettssitzung mit folgenden Sätzen: „Wir haben der Armee getrotzt, dann den Parteien, jetzt sind die Gewerkschaften an der Reihe. Auch das wird sich arrangieren. Man wird auf meinen Einsatz zählen können – mit Hilfe des Fernsehens.“

Während des Algerienkrieges hatten die Gewerkschaften ihre Forderungen zurückgestellt. Sie respektierten eine Art ungeschriebenes Stillhalteabkommen. Nun aber halten sie nicht mehr still. „Hinhaltetaktik“ werfen die Grubenarbeiter der Regierung vor. Sie wollen bessere Löhne, und sie wollen wissen, wie es um die Zukunft ihres Berufes bestellt ist. Seit Jahren steht die Kohle im harten Konkurrenzkampf mit billigeren Energiequellen. Ein paar freundliche Worte aus dem Munde des Staatspräsidenten über ihren „melancholischen Beruf“ genügen ihnen heute nicht mehr. Beide Parteien beharren also auf ihren Positionen: Die Grubenarbeiter kehren nicht zu ihrer Arbeit zurück, bevor die Regierung konkrete Zusicherungen gemacht hat; die Regierung will das Lohngespräch nicht fortsetzen, bevor die Gruben wieder normal arbeiten.

Zwei Wochen dauert nun schon der Streik, und die Grubenarbeiter werden in ihrer nächsten Lohntüte nur das Entgelt für einen einzigen Arbeitstag vorfinden. Viele von ihnen werden sich an die Streiks von 1947 und 1948 erinnern. Sie dauerten drei Wochen und brachten den Gewerkschaften eine schwere Niederlage. Wird es der Regierung wieder gelingen, den Streik „auszuhungern?“

Für die Kohlengruben sind die Verluste nicht dramatisch. Sie sind für den Staat ohnehin ein Verlustgeschäft, bei dem die Löhne schwer ins Gewicht fallen. Der Ausfall der Lohnzahlung gen bringt gewisse Einsparungen, die den Produktionsausfall erträglich machen. Die Versorgung der Elektrizitäts- und Gaswerke, Stahlwerke, Stadtbahnen und anderer Großkonsumenten ist für drei bis vier Wochen gesichert. Die kleineren Betriebe mit ihren geringen Lagern sind stärker gefährdet. Erfahrungsgemäß kann jedoch die Versorgungslücke zu einem Teil durch Importe und die Verwendung anderer Energiequellen wettgemacht werden. Die französische Regierung könnte sich also, wenn es nur um die Versorgung mit Kohle ginge, etwa Zeit lassen.

Andererseits aber kann sich jede Verzögerung einer gütlichen Lösung verhängnisvoll auswirken. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß der Streik über den engeren Bereich der staatlichen Bergwerke hinausgreift. Der zweistündige Streik der Eisenbahner (in eigener Sache) brachte am Dienstag den Schienenverkehr in ganz Frankreich durcheinander. Das Personal der Naturgasanlage in Lacq, die 35 Prozent des Pariser Bedarfs deckt, ist ebenfalls in einen unbefristeten Streik getreten.

Das gaullistische Parteiblatt „La Nation“ hat mit Recht die Frage aufgeworfen, ob die Regierung gut beraten war, als sie den Streik durch Dienstverpflichtungen zu brechen suchte. Offenbar hat de Gaulle geglaubt, seine televisionäre Ausstrahlung auch in der Sozialpolitik einsetzen zu können, aber da wird er sich wahrscheinlich verschätzt haben. Heute muß er sich vom Erzbischof von Cambrai belehren lassen: „Die ‚Grandeur‘ der Nation beruht vor allem im Respekt vor dem Menschen, der Freiheit und der Gerechtigkeit. Menschliche Probleme fordern menschliche Lösungen. Sie müssen in einem loyalen Dialog zwischen den beiden Parteien gesucht werden. Es ist notwendig, daß die Vertreter der Gewerkschaften empfangen und gehört werden können.“ Rudolf Fischer