Symbol oder Stimmenfänger?

In Großbritannien trägt man wieder Bart, Vollbart. Nicht nur späte Existenzialisten, Studenten, Einsiedler und schüchterne Intellektuelle, sondern Fernsehstars, Busfahrer, Versicherungsagenten und sogar Londoner Polizisten gehen mit rauschendem Bart durch den Nebel der britischen Hauptstadt. Der Schriftsteller Compton Mackenzie hat sogar einen Klub der Pogonotrophilen, der Bärte-Liebhaber, gegründet. Für Briten mit spärlichem Bartwuchs oder allzu rötlichen Härchen gibt es sogar jetzt Geschäfte, die einen reißenden Umsatz von falschen Vollbärten zum Preise von 25 Mark zu verzeichnen haben.

Die Ursachen dieser britischen Vollbart-Welle sind nicht ganz klar. Sicher ist, daß es sich einmal nicht um einen Import aus Amerika handelt, wo Jugend und der glattrasierte Kennedy Trumpf und der bärtige Castro verpönt sind. Es mag sein, daß die Engländer, die gerade besonders scharf gegen den Konformismus und die Bürokratie revoltieren, im Vollbart ein Symbol des kraftvollen Individualismus sehen. Englands zornige junge Männer, nun endlich von der Wehrpflicht befreit, scheren sich wenig um die Aura der Weisheit, die ihnen ein Heinrich VIII.- oder ein Van-Dyke-Bart verleihen kann. Sie legen nur Wert darauf, als originelle Außenseiter, als Rebellen gegen den satten Wohlfahrtsstaat angesehen zu werden.

Ein Star des Reklame-Fernsehfunks erklärte allerdings kürzlich, daß ein Vollbart für ihn allein deshalb wertvoll sei, weil die dunkle Zone um den Mund den Kontrast erhöhe – die Zähne in seinem Zahnpasta-Drama sähen damit noch weißer aus. Die Fabrikanten von Rasierklingen sind indessen erbost ob der neuen Vollbartmode und haben einen Reklamefeldzug mit folgendem warnendem Slogan eröffnet: „Es ist immer sein glattrasierter Bruder, den die Mädchen anhimmeln!“

Englands neue Vollbart-Welle ist natürlich nur eine zwischen vielen, die sich schäumend brechen. In der Renaissance waren Vollbärte de regueur, im achtzehnten Jahrhundert dagegen höchst unschick. Auch die frühen Romantiker – Keats, Byron und Shelley – waren bartlos. Dann aber kam Tennyson mit einem Prachtexemplar, und Karl Marx, Verdi und Brahms ließen sich auch einen stehen. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde das Rasieren so einfach und schmerzlos, daß selbst faule Vollbärtige einen elektrischen Trockenrasierer kauften.

Wenn auch heute so viele Insulaner pomadenglitzernde Spitzbärte zur Schau tragen, so sind sich doch die den Regenschirm schwingenden Gentlemen einig, daß Vollbärte nach wie vor unordentlich und unfein sind. Schnurrbärte sind als Kastenzeichen der Offiziersklasse zugelassen. Die neue Generation junger Briten hat jedoch kaum Gentleman-Ambitionen und belächelt Premierminister Macmillans melancholischen Schnurrbart, den die Karikaturisten benutzen, um ihm das Aussehen eines verdatterten Spaniels zu verleihen. Ein Vollbart muß es sein – die letzte Waffe des in die Enge getriebenen britischen Mannes im Sex-Krieg, das trotzige Merkmal individualistischer Insulaner in unserem konformistischen Zeitalter. Willy Brandt und Harold Wilson sollten es sich ernsthaft überlegen, ob sie sich nicht einen Stimmenfänger stehen lassen sollten! Eric Orton