Um die Nachfolge des Kanzlers

Von Theodor Eschenburg

Seit mindestens vier Jahren, seit Adenauers kometenähnlicher Präsidentschaftskandidatur im Frühjahr 1959, spricht man vom Kanzler-Kronprinzen.

Im Bereich der demokratischen Republiken gibt es nur eine einzige Kronprinzenfigur: die des Vizepräsidenten beispielsweise in den USA. Er wird zusammen mit dem Präsidenten gewählt und ist bei dessen vorzeitigem Ausscheiden automatisch sein Nachfolger. Diese Institution kennt das bundesrepublikanische Verfassungsrecht nicht. Wenn man bei uns heute vom „Kronprinzen“ redet, meint man vielmehr, daß der Kanzler während seiner Amtszeit, bevor noch der Termin seines Rücktritts feststeht, im Einvernehmen mit, der Fraktion einen Nachfolger herausstellt, ihn gleichsam adoptiert, und daß dieser designierte Nachfolger, wenn der Kanzler demissioniert, dem Bundestag von der CDU/CSU als einziger Kandidat präsentiert wird.

Tatsächlich kommt es nur selten vor, daß durch Adoption bestellte „Kronprinzen“ mit Wahlämtern betraut werden. In der deutschen Geschichte ist nur ein Fall bekannt. Ernst Bassermann, der Führer der national-liberalen Partei von 1904 bis 1917, hatte schon zehn Jahre vor seinem Tode Gustav Stresemann als seinen Nachfolger ausersehen. Stresemann, den man deshalb auch Kronprinzen hieß, wurde nach Bassermanns Tod zum Parteivorsitzenden gewählt, wenn auch nicht ohne Widerstand. Daß Churchill bei seinem Rücktritt als Premierminister, zu dem er von den Konservativen wegen seines Alters gedrängt worden war, Eden mit Erfolg als seinen Nachfolger präsentiert hat, ist ebenso bekannt wie die Tatsache, daß sich diese Präsentation nicht gerade als ein ermutigendes Beispiel erwiesen hat.

Als der tschechoslowakische Staatspräsident Masaryk mit 85 Jahren – 1935, ein Jahr nach seiner Wiederwahl – allerdings nicht ganz freiwillig das Staatspräsidentenamt niederlegte, wurde Benesch, der mit Masaryk zusammen 1918 den tschechoslowakischen Staat gegründet hatte und seitdem das Außenministerium leitete, zum Nachfolger gewählt, wie Masaryk es seit langem vorgesehen hatte.

Angst vor den Rivalen