Es gibt offensichtlich vieles an der Politik unserer Partei, was der Dichter nicht versteht.“ Der Sprecher: Nikita Chruschtschow. Der Adressat seiner geißelnden Bemerkung: Jewgenij Jewtuschenko. Der junge Poet war von seinen Reisen durch die Bundesrepublik und Frankreich gerade rechtzeitig genug nach Moskau zurückgekehrt, um im Kreml die Philippika mitanzuhören, die der Sowjetpremier den Schriftstellern und Künstlern seines Landes hielt.

Es war indessen nicht das Schlimmste, daß Jewtuschenko sich wegen seines Gedichtes „Babij Jar“ den Vorwurf der „politischen Unreife“ und „Unkenntnis der geschichtlichen Tatsachen“ gefallen lassen mußte; auch nicht, daß Ilja Ehrenburg rügende Worte zu hören bekam. Entscheidend an der Rede Chruschtschows war die Tendenz der Generallinie, die sie enthüllte. „Auf dem Felde der Ideologie gibt es keinen Spaß“, sagte der Kremlherr. So wetterte er gegen all jene, die für eine „friedliche Koexistenz“ zwischen westlicher Kunst und sozialistischem Realismus eingetreten sind. Die Begründung war einleuchtend: „Der erste Schritt wäre ein Schlag gegen die revolutionären Errungenschaften auf dem Gebiet der sozialistischen Kunst. Dabei würde es kaum sein bewenden haben. Man kann nicht ausschließen, daß diese Leute ihre Kräfte sammeln und den Versuch unternehmen, überhaupt die Errungenschaften der Revolution anzugreifen.“

Individualismus? Freiheit? Nie, sagte Chruschtschow, nicht einmal unter dem vollendeten Kommunismus. Und damit alle verstünden, aus welcher Richtung der Wind pfeift, setzte er auch gleich zu einer Apologie Stalins an, wie man sie aus seinem Munde seit Jahren nicht vernommen hat. Die Temperatur des Tauwetters in Literatur und Kunst soll offenbar wieder ganz von der Partei bestimmt werden. Und auch bei der Entstalinisierung zieht der Sowjetchef abermals die Bremsen an. Th. S.