Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum. Goethe

Das Tauwetter wird zum Tauziehen

Mit einer offiziellen Rede Chruschtschows fand die nun schon seit Wochen teils vor, teils hinter den Kulissen geführte Diskussion über die Freiheit des Künstlers in der Sowjetunion ein vorläufiges und nicht gerade ermutigendes Ende. Der liberalen Auflockerung des kulturellen Lebens im Zuge der Entstalinisierung stellte sich Chruschtschow entschieden entgegen. Rüffel bekamen vor allem Ilja Ehrenburg, dem vorgeworfen wurde, er „sei dabei, in eine anti-kommunistische Position zu geraten“, und Jewgenij Jewtuschenko, der sich den Vorwurf „politischer Ahnungslosigkeit und Unreife“ gefallen lassen mußte. Außerdem habe er bei „Babij Jar“ historische Tatsachen übergangen. Nach außen wurde bei den Diskussionen volle Einigkeit erzielt, Chruschtschow soll sich sogar befriedigt über Jewtuschenkos West-Reise geäußert haben. Aber: „Meiner Meinung nach wird es niemals absolute Freiheit für das Individuum geben, nicht einmal unter dem vollkommenen Kommunismus. Der Wille des Einzelnen muß sich dem des Kollektivs beugen. Es mag den Anschein gehabt haben, als segelte das Schiff der Gesellschaft, wohin es die Wogen tragen, und als sei jeder frei zu tun, was ihm gefällt. Nein!“ Dem Tauwetter folgt Kühle; und vor allem die Künstler und Schriftsteller der DDR, die gehofft hatten, daß die Entstalinisierung in der Sowjetunion auch bei ihnen zu Erleichterungen führen würde, sehen sich enttäuscht. Diese Chruschtschow-Rede kommt allein ihren Widersachern zugute.

Nicht mehr beleidigen

Manche Leute können es nicht lassen. Der italienische Filmregisseur Paolo Pasolini steuerte zu dem Film „Rogopag“ eine Episode bei, in der Orson Welles einen Regisseur spielt, der einen Film über die Kreuzigung Christi dreht. Nicht der Christus-Darsteller, aber immerhin der mitgekreuzigte Dieb stirbt im Film beim Filmen an verdorbenem Magen. Das reichte. Die Staatsanwaltschaft verbot den Film: Beleidigung der Kirche. Sein Regisseur bekam vier Monate mit Bewährung. Die gesetzlich vorgesehene Strafe sei viel zu niedrig, meinte der Staatsanwalt auch noch.

Buchproduktion in der DDR

Im vergangenen Jahr wurden in der DDR 6540 Buchtitel veröffentlicht. Darunter waren 393 aus der Sowjetunion, 107 aus Frankreich, 79 aus Großbritannien, 57 aus der Tschechoslowakei und 43 aus den USA. Über die Zahl der Lizenzen aus der Bundesrepublik schwieg sich der Börsenverein der Buchhändler Mitteldeutschlands aus.