Von Edmund Wolf

Auch in andern Ländern lassen sich interessante Panoramen spiegeln. Selbst in England wird erregt gesagt, daß Unabhängigkeit so unabhängig nicht sein darf – wenn Georges Bidault im britischen Fernsehen erscheint. Er erschien in der BBC-Sendung „Panorama“ (die mit der deutschen in keiner Weise verwandt ist). Im Interview offenbarte er sich als Mann von manischer Eitelkeit, der jeden Wirklichkeitssinn verloren hat, wenn er ihn je besaß – eine Randerscheinung der Zeitgeschichte, und gewiß keine erfreuliche. Der Interviewer tat sein Bestes, ihn als potentiellen Mörder festzunageln. Das Interview wurde zudem so präsentiert, daß nicht der geringste Zweifel bleiben konnte: diesem Subjekt sei kein Wort zu glauben. Trotzdem – ein Aufschrei in Westminster, um so schriller allerdings, weil dieser angebliche Führer der OAS in England gewesen war, ohne daß Scotland Yard und Home Office etwas geahnt hatten. Vor allem aber doch ein Aufschrei, weil er im Fernsehen gezeigt worden war.

Sei es nicht die Höhe der Geschmacklosigkeit, einem solchen Mann zur Reklame zu verhelfen? In Wahrheit war Bidaults Erscheinen im Fernsehen die denkbar wirksamste Reklame gegen Bidault.

Sei eine solche Sendung nicht angetan, die freundlichen Beziehungen zu einem Nachbarstaat zu stören? Was würde England denn sagen, wenn im französischen Fernsehen ein Engländer erschiene, der Umsturz- und Mordpläne gegen die britische Regierung hege? Die Antwort lautete und mußte lauten: Wenn ein solcher Mann vielfacher Minister und Premierminister war, dann habe ein öffentliches Medium die Pflicht, ihn dem Publikum zu zeigen – vorausgesetzt, er wird dabei in die richtige Perspektive der Zeitgeschichte gerückt.

In Frankreich hat sich die Empörung noch nicht gelegt. Da hält man das Bidault-Interview ganz einfach für einen Racheakt der britischen Regierung gegen den großen Charles. Wie? Die britische Regierung habe mit dem Programm nichts zu tun gehabt und könne mit dem Programm nichts zu tun gehabt haben, weil die BBC unabhängig sei? Unsinn, sagen die Franzosen – man könne doch niemandem einreden, daß es eine solche Unabhängigkeit wirklich gäbe.

In Frankreich (wie in Italien) gehören Funk und Fernsehen dem Staat. Jedes Programm trägt also unvermeidlich den offiziellen Stempel. In einer einzigen Woche wurden in Frankreich zwei große Dokumentarsendungen, die das staatliche Fernsehen vorbereitet hatte, in letzter Stunde abgesetzt: Der erste Film sollte zum zwanzigsten Jahrestag der Schlacht von Stalingrad gesendet werden und wurde mit Rücksicht auf die Bundesrepublik verboten, der andere Film hieß „Tod in Madrid“, behandelte den spanischen Bürgerkrieg und fiel Rücksichten gegenüber dem andern General jenseits der Pyrenäen zum Opfer.

Der Presse wird oft vorgeworfen – (in diesen Tagen wieder von einem Oberbürgermeister, dem von Würzburg) – es mit der Wahrheit nicht genügend genau zu nehmen. Das soll vorkommen. Aber es war ein hoher Beamter, der – auch vor kurzem – davon sprach, Regierungen hätten „ein angestammtes Recht zu lügen“. Mr. Sylvester, Staatssekretär im amerikanischen Verteidigungsministerium, sprach mit erfrischender Naivität nur aus, was von altersher akzeptierte Politik ist. Männer an der Macht beklagen sich über Massenmedien in der Regel nicht, weil sie lügen, sondern weil sie die Wahrheit verraten. Die allerdings wird dann oft Lüge genannt.