Allabendlich tritt auf einer Bühne in Madrid eine junge, schlanke Schauspielerin auf. Ihr Name: Elena Maria Tejeiro. Das Stück trägt den Titel „Champagne Complex“. Und Abend für Abend erleben Madrids Theaterbesucher etwas höchst Ungewöhnliches: Elena Maria zeigt sich in diesem Schauspiel in Unterwäsche. Das ist für Spanien, wo seit dem Jahre 1939, seit dem Ende des Bürgerkrieges, Staat und Kirche eine strenge Zensur übten, eine Sensation.

Jener spektakuläre Auftritt Elena Marias aber ist nicht etwa das einzige Anzeichen dafür, daß auf der iberischen Halbinsel, im Lande des Diktators Francisco Franco, der Wind sich dreht. Seit jenem Februar des Jahres 1957, als der Caudillo seiner isolationistischen Politik absagte und die extremen Falangisten aus seinem Kabinett warf, bemüht sich der Generalissimus, einen neuen Kurs zu steuern. Es war freilich kein freiwilliger Entschluß.

Der Zusammenschluß Westeuropas zur EWG, der Druck der katholischen Kirche und ihrer Laienorganisation „Opus Dei“, die eine moderne Sozialpolitik entworfen hatten, das Auftreten einer neuen Generation, die nicht mehr von den Erinnerungen an den „heldenhaften“ Bürgerkrieg lebt, zwangen Franco, die Zügel allmählich zu lockern.

Heute sind es in Madrid die jungen „Technokraten“ und Europäer – die Minister Iribane, Ullastres, Rubio und Bravo –, die den Ton angeben und die es sich zum Ziel gesetzt haben, Spanien aus dem politischen Windschatten herauszuführen. Sie haben dafür gesorgt, daß die 50 000 Arbeiter, die im vergangenen Jahr in den Streik traten, nicht mit Waffengewalt niedergezwungen wurden. Sie lockerten die Zensurbestimmungen, leiteten die wirtschaftspolitische Liberalisierung ein, sorgten dafür, daß Madrid in Brüssel den Assoziierungsantrag stellte, daß Kapital in das Land kam und der Verfolgung der Protestanten ein Ende bereitet wurde. Und Franco, der heute 70jährige Caudillo, sträubte sich nicht gegen diesen Kurswechsel.

So wie er sich vor 26 Jahren, als er an die Macht trat, die radikalen Falangisten gewähren ließ und sich ihren Eifer zunutze machte, so bedient er sich heute der jungen Garde und ihrer fortschrittlichen Ideen. Von jenen Männern aber, die ihm einst den Weg in den Escorial ebneten, hat er sich jetzt losgesagt. Im Nationalrat, dem obersten Parteigremium, erteilte er erst kürzlich wieder den „alten Kämpfern“ unter den Falangisten eine herbe Abfuhr. Ohne sich auf lange Debatten einzulassen, wies er den Plan des Parteiministers Solis zurück, ein Zweikammersystem einzuführen und auf diese Weise die Staatspartei stärker an der Regierung zu beteiligen. Den 160 Mitgliedern des Nationalrates fiel es auch auf, daß Franco seine Generalsuniform trug, nicht aber, wie sie, die ordensgeschmückte Parteiuniform.

Solche Äußerlichkeiten vermögen dennoch nicht darüber hinwegzutäuschen, daß Spanien kein Land ist, in dem die Freiheit herrscht. Franco, der sich das Ziel gesetzt hat, „eine neue Art der Demokratie“ zu begründen, erklärte noch vor wenigen Tagen: Sein Regime sei gegen den Totalitarismus, aber auch gegen den Liberalismus. Auch sind seine Zugeständnisse an eine größere politische und wirtschaftliche Freizügigkeit, seine Bereitschaft, den Geist nicht länger unter der Knute zu halten, keine freiwilligen Entscheidungen. Franco handelt unter Druck. Er fürchtet, den Anschluß an Europa zu verlieren, er ist besorgt, sein Werk könnte zerbrechen, wenn er sein Amt aus den Händen geben müßte. In Spanien steht ein Diktator unter dem Diktat der Zeit. D. St.