Von Julius Posener

Die Zeit ist vielleicht nicht mehr allzu fern, in der die Menschen dieses an alten Städten einmal überreichen Landes sich überall in der gleichen schnittig-öden Stadtumgebung bewegen werden, ganz gleich ob sie in Hamburg wohnen, in Hannover oder in Frankfurt, und wo sie das geschichtlich geprägte Gesicht der deutschen Städte nur noch in Büchern werden, sehen können. Das Wenige, das nach der Zerstörung übrig geblieben ist, läuft Gefahr, einer „zügigen Verkehrsplanung“, der Sanierung, der Modernisierung und den Repräsentationsbedürfnissen kapitalkräftiger Firmen zum Opfer zu fallen.

Westberlin ist ein besonderer Fall. Es ist eine Zusammenballung von Vorstädten und Dörfern, die in die Stadt eingemeindet worden sind, mit einer Ausnahme: Charlottenburg; aber das Zentrum von Charlottenburg ist nicht das Zentrum von Westberlin, so daß es etwas am Rande bleibt. Immerhin ist es vorhanden, und der Senat bemüht sich, auch solche weniger ehrwürdigen Häuser zu retten, wie man sie dort in der Christstraße findet: Fronten aus der Zeit kurz nach oder sogar vor 1870. Sie mögen nicht schön sein, aber sie haben Berliner Charakter, und die Mühe, die man sich um ihre Erhaltung geben will, ist sicherlich gerechtfertigt. Vor einiger Zeit besuchte mich ein Freund aus Westdeutschland, ein Mann aus dem Kreis von Max Bill, und ich zeigte ihm das neue Berlin. Am Eingang zum Hansaviertel blieb er plötzlich stehen und sagte: schön ... Da steht noch ein einziges Haus, eine alte Berliner Kiste, hart am Rande des internationalen Neuen, und mein fortschrittlicher Freund war glücklich, daß er es dort noch finden konnte. Möge es uns erhalten bleiben.

Berlin besitzt auch bedeutende Bauten aus unserem Jahrhundert, die ebensoviel Recht auf Schonung haben wie die Fronten in der Christstraße. Wie man mit den Bauten Erich Mendelsohns umgesprungen ist und noch umspringt, das ist nicht zum Lachen. Das einzige, das der Verunstaltung entgangen ist, ist sein eigenes Haus am Rupenhorn; denn dort ist der britische Kommandant eingezogen. Offenbar fand er es ganz angemessen und hat fröhlich seine Chippendale-Möbel hineingestellt und seine Jagdstiche an die Wände gehängt. Aber über die Zerstörung – man kann es anders nicht nennen – des einzigen guten Kinos in Berlin – und des ersten irgendwo in der Welt: Das „Studio“ am Lehniner Platz – kann man nicht ohne Wut und Schmerz sprechen. Die beiden Häuser der Brüder Luckhardt am Rupenhorn hat man ihres Sinnes beraubt, indem man die Glasflächen im Erdgeschoß geschlossen und hohe Fenster übelster Form – einer Altberliner Form, leider – in die neue Wand eingesetzt hat.

Diese Häuser bedeuteten einmal eine Revolution; zu ihnen sind Architekten aus aller Welt gepilgert. Man wird einigermaßen verlegen, wenn man ihnen heute die Reste des Berlin von 1930 zeigen will, und man fragt sich mit Unruhe, was aus den Resten des Berlin vor dem ersten Kriege werden soll: den Fabriken von Peter Behrens, seiner Villa Wiegand, den Muthesius-Häusern: Werden sie überleben, wenn die, die es angeht, weiter der Meinung sind, der Schutz für das Alte höre etwa mit dem Jahr 1840 auf? Dies am Rande; aber ich meine, es darf gesagt werden, wenn von Erhaltung die Rede ist: aber, wir sprechen ja vom Stadtbild.

In dem Konglomerat von Vorstädten und Dörfern, welches Westberlin ist, handelt es sich da in erster Linie um die Dorfkerne; und hier ist schon seit langem gesündigt worden. Die Dorfaue in Zehlendorf an der Kreuzung zwischen Berliner Straße und Hauptstraße ist mir immer als eines der besten Dorfbilder Berlins erschienen. Die alte Gebäudegruppe – Kirche, Gutshaus, Bauernhäuser – hatte genügt, um das Dorf Zehlendorf darzustellen.

Die Kirche steht noch, aber ihr gegenüber, auf der Potsdamer Straße, hat man einen Supermarkt von Bolle errichtet. Die Bauernhäuser sind verschwunden. An ihrer Stelle steht ein öder neuklassizistischer Bau, der aussehen möchte wie das alte Pasewaldtsche Gutshaus. Das Haus selbst ist durch eine Reihe dreigeschossiger Allerweltsbauten ersetzt, mit Läden und Mietswohnungen.