Von Woifganj? Krüger

Sechzig Abgeordnete der Koalitionsparteien haben im Bundestag eine Große Anfrage zur Lage auf dem Arbeitsmarkt eingebracht. Die Bundesregierung wird darin um Auskunft zu der Frage ersucht, ob dem herrschenden Arbeitskräftemangel nicht durch Mehrarbeit begegnet werden konnte, und welche steuerlichen und arbeitsrechtlichen Hindernisse dem entgegenstehen. Der Schwerpunkt des parlamentarischen Vorstoßes aber liegt in der Aufforderung, die Tarifpartner in geeigneter Form zu einem Verzicht auf weitere Arbeitszeitverkürzungen, zu veranlassen.

Diese Initiative ist zu begrüßen. Arbeitszeitverkürzungen sind in der augenblicklichen konjunkturellen Situation möglicherweise noch mehr von Übel als Lohnerhöhungen, die über die realen Zuwachsraten des Sozialprodukts hinausgehen. Da es der Regierung offenbar nach wie vor schwer fällt, sich zum Handeln aufzuraffen – insbesondere dann, wenn dabei auch nur von Ferne die Tarifautonomie der Tarifpartner berührt wird –, kann ein wenig Aufmunterung aus Reihen der Volksvertretung in der Tat nicht schaden.

Das Für und Wider von Arbeitszeitverkürzungen ist seit jeher umstritten. Im Aktionsprogramm des Deutschen Gewerkschaftsbundes steht die Vierzig-Stunden-Woche als vordringliches Nahziel obenan. Er begründet seine Forderung mit der zunehmenden nervlichen Belastung des Industriearbeiters durch den immer radikaler durchrationalisierten Produktionsprozeß.

Der DGB kann sich dabei weitgehend auch auf Forschungsergebnisse der Arbeitswissenschaft stützen. Aber die Fachleute dieser Disziplin sind sich schon nicht mehr ganz so sicher wie die Gewerkschaften, ob die Ausweitung des Freizeitraumes die richtige Medizin gegen die menschlichen Überforderungen. der modernen Arbeitswelt ist. Es gibt namhafte Arbeitswissenschaftler, die sogar der Meinung sind, daß das Zusammendrängen der Arbeitszeit auf fünf Tage zur Steigerung der Arbeitsintensität führt und sich damit hinderlich auf die notwendige Anpassung des Arbeitstempos an den natürlichen menschlichen Arbeitsrhythmus auswirken muß. Und viele Mediziner hegen starke Zweifel auch in dem gesundheitlichen Nutzen des verlängerten Wochenendes, da es – notwendigerweise – auf Kosten des Urlaubs geht.

Wie dem auch sei: Fest steht, daß Sinn und Unsinn von Arbeitszeitverkürzungen nicht nur mit sozial- und gesundheitspolitischen Maßstäben zu messen sind. Arbeitszeitverkürzungen beinhalten auch ein eminent ökonomisches Problem. Und im ökonomischen Bereich sind sie zur Zeit ohne Biegen und Brechen nicht unterzubringen.

Die seit Kriegsende und besonders in den ersten Aufbaujahren stark nach oben gerichtete Beschäftigungskurve der Bundesrepublik flacit sich immer stärker ab. Soweit sich das übersehen läßt, wird sie über Jahre hinweg so gut wie stagnieren. In dem Zeitraum 1950 bis 1960 nahm die Zahl der Erwerbstätigen in der Bundesrepublik um 25 % zu. In dem von der Bundesregierung dem Bundestag vorgelegten Wirtschaftsbericht wird für das Jahrzehnt bis 1970 nur noch mit einer Zunahme von 3 bis 5 % gerechnet.