Die bisher vorgelegten Jahresberichte der deutschen Elektroindustrie haben den Eindruck hinterlassen, daß sich diese Wachstumsbranche bei aller Zuversicht auf einen sehr harten Wettkampf um den Absatz einrichtet. Das gilt auch für die SEL Standard Elektrik Lorenz AG, Stuttgart, die bereits im vorigen Jahr den (von der AEG erst für dieses Jahr konzipierten), Plan einer Konzern-Neuorganisation verwirklicht hat. Die bemerkenswerteste Konsequenz aus der verschärften Konkurrenzsituation ist jedoch die vorläufige Einstellung des Verkaufs von Datenverarbeitungsanlagen für kommerzielle Zwecke – ein Geschäftszweig, den die SEL erst 1956 aufgenommen hatte, um von dem bis dahin größten Kunden, der Bundespost, unabhängiger zu werden. Hier ist aber die SEL von der schnellen Weiterentwicklung überrascht worden, so daß sie vor der Wahl stand, entweder durch „immense“ Investitionen den Anschluß wieder zu suchen (wobei immer noch eine erhebliche Durststrecke zu überwinden gewesen wäre) oder den Ausbau der Nachrichtentechnik zu verstärken.

Der Entschluß, auf dem traditionellen Gebiet zu bleiben und in der Datenverarbeitung lediglich die Entwicklung „mit neuer Zielsetzung“ weiterzuführen, wurde durch die Investitionspläne der Bundespost begünstigt, zumal sich zwar die Zahl der Fernsprechapparate je 100 Einwohner in der Bundesrepublik seit 1952 von 6,2 auf 12,3 verdoppelt hat, dieser Satz aber noch weit hinter der Fernsprechdichte Englands (16 Apparate), der Schweiz (32), Schwedens (38,5) und der USA (42) zurückbleibt. Ebenso sieht die SEL im Fernschreibgeschäft, das 8 % des SEL-Umsatzes bestreitet, noch große Möglichkeiten.

Bei aller Vorsicht beurteilt Direktor Abtmeyer das Fernsehgeschäft durchaus nicht negativ, da in Deutschland erst 37 Geräte auf 100 Haushalte kommen im Vergleich zu 70 in England und 92 in den USA. Nur komme es darauf an, die Kapazitäten der Nachfrage anzupassen.

Größte Sorgen hat dagegen Abtmeyer wegen der Entwicklung der Personalkosten. Die Gesamtleistung der SEL stieg 1962 um 80 auf 657,7 Mill. DM. Von diesem Zuwachs zehrten allein die Personalkostensteigerungen 60 % auf; für den Ertrag blieben dagegen von der Leistungssteigerung nur 1,6 %.

Bei einer Fortdauer dieser Entwicklung sieht Generaldirektor Abtmeyer vor allem Gefahren für den Export. Schon im vorigen Jahr mußten aus Kalkulationsgründen Auslandsaufträge abgelehnt werden, so daß der Export der SEL nur noch um 4,1 (28,5) % stieg und sich sein Anteil am Umsatz von 17 auf 14,9 % verminderte. Die. Ausweitung des Umsatzes um, 19,2 (24,8) % auf 666 Mill. DM (Konzernumsatz 890 Mill. DM nach 700 Mill. DM) wurden demzufolge nahezu ausschließlich vom Inlandsgeschäft (+ 22,2%) getragen. Die Aktionäre (93,4 % des AK von 115 Mill. DM liegen bei der International Telephone and Telegraph Corp.) erhalten diesmal nur wieder 12 % Dividende, nachdem der Bonus von 10 % im vorigen Jahr, mit dem die SEL die Vorteile des gespaltenen Körperschaftsteuergesetzes ausnutzen wollte, eine so negative Reaktiön bei Belegschaft und Behördenkundschaft ausgelöst hatte, daß es Generaldirektor Abtmeyer nicht ratsam schien, diese Politik der Steuerersparnis fortzusetzen. C. D.