Lieber Freund,

viel mehr als die restlichen Spuren des Christentums im Rheinland, über die ich Dir immer noch Auskunft schuldig bin, beschäftigt mich im Augenblick das Christentum in Unterfrankens Hauptstadt. Es gehört ja schon eine hübsche Portion Christlichkeit dazu, eine Frau drei Wochen vor der Entbindung verhaften zu lassen, damit sie den Offenbarungseid leiste. Gewiß wird der Klerus der frommen und ehrwürdigen Stadt, in der sich das Christentum derart offenbart, die gute Frau in sein (stilles) Gebet einschließen. Daß solches noch möglich ist, weiß ich aus Erfahrung, ich lernte neulich einen katholischen Priester kennen, der mir (fast errötend) gestand, er schließe „sogar“ die Wehrdienstverweigerer in sein stilles Gebet ein. Dazu gehört wahrlich jener Mut, der uns zur Festigung des demokratischen Gedankens fehlt.

Der Eifer, mit dem Du mich drängst, von den drei zur Wahl stehenden Städten doch Köln zu wählen, schreibe ich einer gewissen romantischen Schwärmerei für „Katholizität“ zu, wie sie unter Protestanten recht verbreitet ist. Ach, glaub mir: nah besehen, tagtäglich erlebt, ist die Sache gar nicht so „bunt“, wie man in kargen puritanischen Gefilden zu glauben scheint. Auch Deine Vorstellungen vom „Rheinischen“ sind mir zu ungenau, hinter der Nettigkeit, einer gewissen urbanen Glätte verbirgt sich überraschende Kälte, und Köln, das den Ruf der Gemütlichkeit genießt, ist mir aus vielen Gründen unheimlich. Für mich ist es die Stadt, in der schon am 4. Januar 1933 der 30. Januar stattfand, und da ich mich von Jugend an geweigert habe, an den Zufall zu glauben, ist es nicht per Zufall Köln, wo diese Vorverlegung der Geschichte stattfand. Ein Finanzamt Kölns gehört – wie mir neulich ein Bekannter im Vertrauen gestand – zu denen mit dem höchsten Einkommensteueraufkommen unseres gesegneten Staates, und wenn Du mir jetzt einwendest, Geld habe mit Politik nichts zu tun, dann gebe ich mich geschlagen und schüttele ungläubig den Kopf über soviel nordische Naivität. Deine Meinung, der Kölner Funk sei doch eine „so feste Burg“, kann ich nicht ganz teilen: So fest ist er nun wieder nicht, wie Du in schwärmerischer Gläubigkeit annahmen möchtest. Diese uralte Stadt hat eine merkwürdige Eigenschaft: Die „geschichtsträchtige Gelassenheit“, mit der sie zum Arrangement neigt, infiziert auch Zugewanderte, die aus den Gefilden der Reinheit stammen. Du kennst doch den alten Frankenspruch: „Verführe einen Reinen, und er wird Dir mehr Dienste tun als zehn, die schon unrein waren.“

Ein weiterer Grund, warum ich Köln nicht wählen kann: Edeltrud will aufs neunte Schuljahr verzichten und nach Ostern in Köln eine Lehre als Putzmacherin beginnen. Das arme Kind ist vollkommen verwirrt. Sie ist von ihren Eltern, pfarrergläubigen Leuten, peinlichen Verhören unterzogen, aufgefordert worden, Intimitäten zu beschreiben, die nie stattgefunden haben, aber durch die bloße Benennung real werden. Seitdem man sie so schamlos bloßzustellen versuchte, empfindet Edeltrud sowohl Scham wie Blöße, und ich fürchte manchmal, sie wird Dinge gestehen, die nie gewesen sind. Ein harmloses Tänzchen, ein schußbereiter Photoapparat, ein paar Atempausen, wie sie der Bildschirm noch gestattet – und schon ist eine „Affäre“ in der Welt.

Schon um meines Blutdrucks willen, der seit der Affäre Edeltrud ständig steigt, werde ich mich für Bonn entschließen, auch, um dort einem Kollegen mit Rat und Tat zu helfen, der den verwegenen Plan hat, ein von-Papen-Drama zu schreiben. Das Stück soll ein Drei-Personen-Stück werden: von Papen und die beiden Hindenburgs, das Vokabularium des abendfüllenden Dramas soll auf fünfundachtzig Worte beschränkt werden, aber ich denke mir, daß man mit sechzig Worten auskommen könnte, ich finde jedenfalls, daß die Beschränkung in diesem Falle ästhetisch zu rechtfertigen wäre. Das wird eine Gaudi für die KNA und eine Wonne für die deutschen Katholiken, wenn ihnen dargestellt wird, daß es einer der Ihren war, der die wichtigsten Weichen stellte. Mir fiel sogar schon ein Titel ein „Und nun, meine Herren, vorwärts mit Gott!“ Mit diesen Worten schloß Hindenburg am 30. Januar 1933 die Vereidigung des „Kabinetts Hitler“. Ich frage mich manchmal, warum man in Köln nicht von Papen ein Denkmal errichtet.

Angesichts der so kräftig dokumentierten Christlichkeit Unterfrankens gewissermaßen optimistisch Dein Lohengrin