Von Rudolf Hartung

Vieles spricht dafür, daß die Horaz-Verse über die Flüchtigkeit der Jahre, die der ungarische Schriftsteller Tibor Déry seiner unvergeßlichen Erzählung „Der Riese“ vorangestellt hat, als Motto auch vor seinen anderen Werken stehen dürften. Der Schmerz der Erfahrung der verrinnenden Zeit ist eingegraben in die große Erzählung „Niki oder Die Geschichte eines Hundes“, er rührt uns an in den Erzählungen des Sammelbandes „Die portugiesische Königstochter“ und in dem darin enthaltenen Zyklus „Spiele der Unterwelt“: Szenen aus dem Luftschutzkeller während der russischen Belagerung Budapests, die uns gleichwohl den Eindruck vermittelten, daß das schöne und das schreckliche Leben selbst unter der Erde noch weitergeht.

Niedergeschlagen hat sich das Verhängnis der Zeit jedoch nicht nur im Werk dieses größten ungarischen Erzählers unserer Epoche, sondern auch in dessen Leben. Das Horthy-Regime verhaftete den 1894 in Budapest geborenen Tibor Déry, weil. er André Gides Reisebericht über die UdSSR übersetzt hatte; nach dem ungarischen Volksaufstand von 1956 verschwand der rebellierende Kommunist Déry für Jahre hinter Gefängnismauern – auch in dieser Unterwelt ging das Leben weiter, ein neuer Roman entstand – bis er endlich, im Frühjahr 1960, begnadigt wurde. Erst im Herbst vergangenen Jahres durfte Tibor Déry, der in der Zwischenzeit „zum Broterwerb“ übersetzt hatte, wieder eine eigene Arbeit publizieren: die Erzählung „Rechenschaft“, deren deutsche Fassung in der letzten Nummer der Neuen Rundschau erschienen ist. Ein Band Erzählungen wurde vor wenigen Wochen in Ungarn veröffentlicht.

Auch der im vergangenen Herbst in Deutschland erschienene Roman von hat teil an jenem Schweigen, das dem Autor jahrelang aufgenötigt worden ist. Begonnen wurde der Roman an einem Winterabend des Jahres 1933 in Wien – Déry hat über ein Jahrzehnt im Ausland verbracht –, 1937 wurde das-Riesenwerk abgeschlossen. Aber erst im Jahre 1946 konnte der Roman in Ungarn veröffentlicht werden.

Schicksal eines marxistischen Schriftstellers und Schicksal eines Buches, das spät, aber nicht zu spät zu uns kommt, obwohl sich in den fünfundzwanzig Jahren seit der Vollendung des „Unvollendeten Satzes“ die Welt und auch die Literatur verändert haben. Verändert auf eine Weise, die der ebensosehr mit der Gegenwart wie mit der Zukunft beschäftigte Schriftsteller nicht hat voraussehen können: In einem der letzten Kapitel des in den dreißiger Jahren spielenden Romans wird das Leben des Helden zwanzig Jahre später kurz skizziert – ein unverheirateter Mann mit einer schlecht gehenden Anwaltspraxis; vom Krieg und dem Regime der neuen Machthaber in Ungarn ist natürlich nicht die Rede ...

Ebensowenig wie in den hinreißenden Erzählungen erweist sich Tibor Déry in dem Roman „Der unvollendete Satz“ als „Formalist“, wenn man unter diesem dubiosen Begriff versteht, daß die Methode der Darstellung wichtiger ist als der zur Darstellung kommende Mensch und sein Geschick. Der ungarische Schriftsteller konnte und kann bis zu einem gewissen Grade auf das formale Experiment verzichten, weil er auch ohne Revolutionierung der Erzähltechnik Wirklichkeit in den Griff bekommt. Wo der westliche Schriftsteller komplizierte Verfahren anwenden muß, um das immer weiter sich zurückziehende Sichtbare zur Dokumentation zu bringen, kann der Autor eines östlichen Landes, so scheint es uns jedenfalls, noch aus der Fülle schöpfen – eine weniger verbrauchte, eine reichere Erde spendet.

So hat Tibor Déry seinen Roman aller Wirklichkeit weit geöffnet. Das Personal des „Unvollendeten Satzes“ umfaßt die in bitterster Armut lebenden Proletarier und die Angehörigen des Großbürgertums, er handelt vom illegalen Kampf der Kommunisten und von den zweifelhaften Machenschaften eines Trusts; er spielt in Budapest, in Dubrovnik und Wien, er gibt ein figurenreiches Panorama der dreißiger Jahre und greift ins Vergangene zurück und in die Zukunft voraus; er stellt Mord, Liebe, Sterben und Klassenkampf auf tief eindrucksvolle Weise dar und entwirft ein imposantes Bild einer Epoche am Vorabend großer Umwälzungen.