„Politische Witwen“? Nein!

Qui s’excuse, s’accuse – wer sich entschuldigt, klagt sich an. Wer seinem Amt die Schuld gibt, es mache seine Frau zur „politischen Witwe“, schiebt die Verantwortung bequem beiseite. Er macht’s sich selber leicht, seiner Frau schwer.

Zum erstenmal habe ich dieses böse Wort vor sieben Jahren gehört. Ich hatte meinen Mann zu einer Tagung nach Trier begleitet, abends war eine Weinprobe angesagt, zu der auch wir Frauen geladen waren. Dr. Kolb, der Vorgänger meines Mannes in Frankfurt, hielt eine geistreiche Damenrede, und dann trank er auf das Wohl der armen, bedauernswerten „politischen Witwen“. Schallendes Gelächter. Ich fragte meinen Tischherrn, den Oberbürgermeister Klett aus Stuttgart, was denn das sei, eine „politische Witwe“. Da rief er amüsiert aus: „Die Frau Böckelmann weiß nicht, was eine politische Witwe ist!“ Noch lauteres Gelächter. „Warten Sie’s nur ab“, verhieß er mir, „Sie werden’s auch noch lernen.“

Zwar wurde mein Mann Oberbürgermeister von Frankfurt, aber ich weiß eigentlich immer noch nicht so recht, was eine politische Witwe ist. Gabriele Strecker schrieb (ZEIT Nr. 9): „Fast alle unsere Politiker, schon die in der Kommunalpolitik, gehen unumwunden zu, daß ihr Familienleben unter der Politik leidet.“ Wenn sie nun den italienischen Staatschef Segni als Politiker nennt, dessen Familienleben nicht unter seinem Amt leide, dann muß ich wenigstens hinzufügen: Ich kenne auch einen, einen Kommunalpolitiker, bei dem das genauso ist. Sein Rezept heißt: Zeiteinteilung. Er findet nämlich immer Gelegenheit, mit seiner Familie zu leben.

Natürlich, das ist kein sehr originelles Rezept, aber es hat sich immerhin in 25 Ehejahren, von denen achtzehn der Kommunalpolitik gehören, bewährt: Politische Witwe? Ich habe mich nie als politische Witwe gefühlt.

Gabriele Strecker hat selber auch ein Rezept: Die Ehefrau sollte die Leere ihres Familienlebens durch eigene Tätigkeit außerhalb ihres familiären Kreises auszufüllen versuchen. Schon gut, aber dann liegt die Gefahr ziemlich nahe, daß aus dem „Miteinander“ ein „Nebeneinander“ wird – und dann wird die Ehekrise nicht mehr sehr fern sein. Ich werde den Verdacht nicht los, daß der Mann, der seine Frau zur politischen Witwe macht, darin nur die Entschuldigung für etwas anderes sucht: Dafür, daß in seiner Ehe nicht mehr alles so richtig stimmt.

Es gibt überall glückliche und unglückliche Ehen – und wäre nicht sicher mancher Stammtisch-Bürger froh, wenn er mit der eleganten Ausrede der Politiker seine Frau endlich zur „Stammtisch-Witwe“ erklären könnte? Lassen wir uns doch nicht ins Bockshorn jagen: Es gibt keine „politischen Witwen“; es gibt nur gute und schlechte Ehen. Und deshalb den Herren Politikern aller Art ins Stammbuch: Qui s’excuse, s’accuse... Rita Bockelmann