Frankreichs Bergarbeiter streiken: „Wir sind keine Rebellen“

Von Josef Müller-Marein

Lens, im März

Am Sonntag in Lens, da zogen die Bergarbeiter durch die Stadt. Die Kommunisten haben 40 000 geschätzt. Rechnet man, daß sie die Zahlen, die ihnen nützlich erscheinen, vierfach zu übertreiben pflegen, bleiben immer noch 10 000 Demonstranten. Und das ist eine ganze Menge in Lens, das 50 000 Einwohner hat.

Es lag ein dramatischer Himmel über der nordfranzösischen Kohlenstadt, die von welligem Lande, von Rübenfeldern und hohen Halden umgeben ist, der Stadt, in der sogar die lustigsten Kino-Inschriften etwas Melancholisches haben. Wind und Sonnenschein, und dann wieder regendunkle Wolken. Kein Rad dreht sich an den Fördertürmen. Es war still, obwohl die Männer alle auf den Straßen waren, sei es, daß sie sich zum Aufmarsch sammelten, sei es, daß sie zusahen, mit den Händen in den Taschen und ernsten Gesichts. Die jungen Verkäuferinnen der größeren Geschäfte schaukelten auf hohen Absätzen vor den Türen, die keiner öffnete, aber sie kicherten nicht. Ein paar Hausfrauen kauften an verlassenen Ständen noch schnell Kartoffeln und Brot ein. Sonst standen gleichsam die Zeiger der Geschäftsuhr auf Null. Und dann erklang die Musik.

Zuerst ein großes Bergmannsbanner, dann eine Knappenkapelle, die auch in Oberhausen oder Essen keinen schlechten Eindruck gemacht hätte. Und der Marsch, den sie spielte, klang lustig, feurig; und rechts und links von der großen Trommel marschierte je ein Mann mit bunter Schärpe, der aufmunternde Blicke in die Menge warf. Und dann ein kleiner Abstand. Und dann eine Gruppe von Männern in betont schmutzigen Arbeitskleidern und Frauen in Lederjacken, die stampften in Reih und Glied und sangen die Internationale. Und dann wieder ein kleiner Abstand und ein Schild mit der Inschrift: „Es lebe die Einheit der Schaffenden!“

Und dann ein großes Korps von Marschierenden, die offensichtlich keine Lust hatten, „Tritt zu fassen“. Männer und Frauen. Mütter und halbwüchsige Mädchen. Alte Rentner und kräftige Gestalten im Sportdreß. Junge Väter, die den Kinderwagen schoben, Greise, die husteten, nachdem sie den Ruf ausgestoßen hatten: „Des sous, Pom-pi-dou!... des sous, Pom-pidou!“ Einer schrie, quasi als Vorsänger: „Charlot!“ Antwort des Chores: „des sous... des sous, sous, sous!“ Einmal hörte man auch den Schrei: „Pompidou au poteau!“ Aber dieser Ruf aus gellender Frauenkehle – „an den Galgen mit Pompidou!“ – fand keinerlei Anklang. Eher schon der Appell zur „dernière bataille“. Aber das war ja schon wieder ein Vers der Internationalen, den man, von verschiedenen Gruppen gesungen, im Laufe des Vorbeizuges der Demonstranten wohl ein dutzendmal hören konnten. Manchmal stimmten die Umstehenden ein. Aber dann wußten sie den Text nicht weiter und ließen es sein.