Die „Bausünde“ hat eine Partnerin, die es seit einiger Zeit an Lasterhaftigkeit mit ihr aufnehmen kann: die „Abrißsünde“. Zwar gibt es Prediger hier und da, aber was nützen endlich all die vielen guten Worte, wenn die Täter die Gebote der Tugend nicht sonderlich achten und so wunderbar praktische Entschuldigungen zu Götzen machen, wie etwa: Die moderne Zeit verlange es, der Verkehr beanspruche sein Recht, ein guter Gewerbesteuerzahler verdiene städtische Sympathien, kurzum: Auch ein Bauwerk, das nicht abbruchreif sei, müsse zuweilen abgerissen werden, sei es noch so schön, noch so originell, noch so charakteristisch. In allen Städten der Bundesrepublik und Westberlin sind Gebäude verschwunden und Straßenzüge in modernanonyme Verkehrsbahnen verwandelt worden, obwohl es nicht immer hätte sein müssen.

Wir sprechen hier nicht für die blinde Restauration, und es geht auch nicht um schnurrige Wünsche von Denkmalspflegern und Konservatoren, es geht ganz einfach um das „Gesicht einer Stadt“. Man kann nicht ungestraft einer zweifelhaften zeitgemäßen Schönheit zuliebe alle Zeichen würdevollen Alterns herausschneiden. Den Operateuren bliebe zum Schluß nichts, als dem zerstückelten Wesen eine Dutzendmaske überzustülpen, die Dutzendmaske „der modernen deutschen Städte“.

Berlin, von dem der folgende Beitrag Julius Poseners, Professor an der dortigen Hochschule für Bildende Künste, ausgeht, sorgte in letzter Zeit für zwei bedenkenswerte Zeitstücke, von denen das erste erschütternd tragikomische Züge trägt. Sein Ende ist noch ungewiß, aber es scheint, als ende es mit einer Leiche. Die Hauptrolle spielt Berlins letztes erhaltenes Jugendstilhaus, 1904 bis 1907 von Bruno Schmitz (bekannt durch Kyffhäuser- und Völkerschlachtdenkmal) erbaut. Obwohl gut erhalten, wird die Spitzhacke angesetzt werden. Es steht auf dem Gelände, auf dem ein neues Instituts-Viertel der Technischen Universität – an der Schmitz weiland Professor war – errichtet wird. Aber die Planenden und Bauenden – vornehmlich Professoren der Architektur – wußten nichts von der Existenz des Hauses. Als sie darauf hingewiesen wurden, hieß die Antwort: Das Haus ist dem Plan im Wege, es einzubeziehen koste Millionen. Zur Zeit ist nur sicher, daß die Inneneinrichtung gerettet, das Gebäude vermutlich abgerissen wird.

Das zweite Stück inszeniert der Berliner Landeskonservator Dr. Seelecke; es hat gerade erst angefangen, und bis jetzt ist noch kein Konflikt zu erwarten. Seelecke hat erreicht, daß nicht nur die 141 anerkannten Baudenkmäler erhalten und gepflegt werden; er verfügt seit 1962 über jährlich etwa 400 000 Mark, mit denen Gebäude und Fassaden aus der Gründerzeit des vorigen Jahrhunderts erhalten werden sollen. So hofft man, modernisierungswütige Hausbesitzer davon abzubringen, die Fassaden ihrer Gebäude „kahl zu renovieren“. Die Stadt gewährt Zuschüsse, wenn alte, charakteristische Berliner Stilformen bei der – sehr teuren – Erneuerung bewahrt werden.

Die architektonischen Erzeugnisse der Gründerzeit sind umstritten, man weiß es. Aber der eigenartige Charakter Berlins ist von dieser Epoche geprägt. Wer auf „das Wilhelminische“ verzichtet, verzichtet auf „das Berlinische“. Wohlgemerkt: Es geht nicht um einzelne Häuser, es geht um das historisch begründete Stadtbild. Und nicht nur in Berlin. m. s.