Bonn, im März

Man hat das Bild noch vor Augen, das vor einigen Wochen durch die Weltpresse ging: im schon legendären Schaukelstuhl der amerikanische Präsident, straff, gelassen, konzentriert; ihm gegenüber in der (gleichfalls legendären) Sofaecke, ein Besucher aus Europa, straff, gelassen, konzentriert. Ein politischer Dialog zwischen zwei Männern, die im Typ nicht ganz unähnlich sind.

Nun mag es zwar zu weit führen, wollte man Boston mit Bremen vergleichen. Aber vielleicht läßt sich denn doch sagen, daß die Neuengländer in Amerika etwa jene Spezies verkörpern, die in Deutschland das Etikett „Hanseaten“ tragen: kühl, ein wenig distanziert, begabt mit dem Charme der Nüchternheit.

Der dem schaukelnden Präsidenten gegenübersaß, war der Staatssekretär im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik, Professor Karl Carstens. Bonn hatte ihn nach Washington geschickt, als nach dem Abschluß des deutsch-französischen Vertrages heftiges Unmutsgrollen von Amerika nach Bonn gedrungen war. Ob seine Mission, die Kennedys Regierung unserer ungeschmälerten atlantischen Loyalität versichern sollte, vollen Erfolg hatte, blieb zweifelhaft; zu stark waren in Amerika Mißtrauen und Verärgerung. Nicht zweifelhaft aber blieb, daß Staatssekretär Carstens sich seiner gewiß nicht angenehmen Aufgabe mit Geschick unterzog.

Ihm, dem zurückhaltenden Beamten, dessen Wirken sich hinter den Kulissen viel eher als in der Öffentlichkeit vollzieht, haftet der in vielen Spannungssituationen erworbene Ruf an, ein zuverlässiger Schlichter und Vermittler zu sein – und mitunter muß er auch als Lückenbüßer Dienst tun. Er war es denn auch, der Mitte dieser Woche den Bundesaußenminister Schröder beim NATO-Rat vertreten mußte – in einer Situation, die dem Chef des Auswärtigen Amtes angesichts der anglo-französischen Spannungen einige Peinlichkeiten hätte bereiten können.

Dabei ist Carstens gar nicht das, was man einen „erfahrenen Diplomaten“ nennt. Hinter ihm liegt keine Karriere, die ihn in stetigem Aufstieg über vielerlei Auslandsposten langsam nach oben geführt hätte. Seine Karriere war steil und ungewöhnlich, sie wurde viel weniger durch Erfahrung als vielmehr durch Begabung bestimmt. Der Außenseiter Carstens, 48 Jahre alt, ist gerade ein Jahrzehnt Beamter. Und daß er, der bremische Rechtsanwalt, sich überhaupt entschlossen hat, in den Staatsdienst zu treten, hängt mit einem besonderen Erlebnis zusammen. Dieses Erlebnis hieß Amerika.

Um das freilich zu verstehen, muß man etwas zurückblättern in seiner Biographie. Carstens, der ein paar Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Bremen als Sohn eines Lehrers geboren wurde, studierte Rechtswissenschaften zu einer Zeit, als der Staat das Recht mehr und mehr zu vergewaltigen begann. 1937 promovierte er in Hamburg zum Dr. jur. „Ich gehöre“, so sagt er heute, „zu jener Generation junger Juristen, die erlebt hat, wozu eine Unrechtsherrschaft die Beamten zwingen kann. Für mich war es damals unvorstellbar, daß ich je in den Staatsdienst treten könnte.“