Von Gavin Youn?

Havanna, im März

Sowjetische Truppen in Havanna? Nicht daß ich wüßte. Sowjetische Techniker, ja, die gibt es natürlich hier.“ Der kubanische Funktionär in Militäruniform, der mir dies bei einem Glas Melonensaft in einer Cafeteria von Havanna sagte, meinte es ganz ernsthaft und ehrlich. Ich fragte ihn, ob er nicht wüßte, daß Chruschtschow angekündigt habe, er werde „einige tausend Mann sowjetischer Truppen“ aus Kuba abziehen. Mein Gesprächspartner schien verwirrt. In der kubanischen Presse hatte davon nichts gestanden. Er wußte nichts davon. „Sind Sie ganz sicher“, fragte er, „daß Chruschtschow das gesagt hat?“

In den letzten Wochen sind Hunderte von sowjetischen Soldaten in kubanischen Häfen eingeschifft worden – sie fahren heim in die Sowjetunion. Und von ihrer Abfahrt haben viele Kubaner ebenso wenig etwas gehört wie von ihrer Ankunft. Keine Nachricht in den Zeitungen, keine offizielle Verabschiedung, keine Abschiedskapellen am Kai: die Sowjets verschwinden so unauffällig, wie sie gekommen sind. Nur hie und da erhascht man einen flüchtigen Blick: Krebsrote Gesichter mit blondem Haar auf dunkelgrünen sowjetischen Militärlastwagen, die zum Hafen sausen, die Silhouettenreihe an der Reling der Handelsschiffe, die aus der befestigten Bucht ins offene Meer hinausgleiten – das ist alles, was man von ihnen zu sehen bekommt.

Die Russen, die Kuba verlassen, tragen weder Waffen noch Uniform. Daß es sich aber um Soldaten handelt, daran zweifelt niemand. Zweitausend sind in den letzten Wochen eingeschifft worden; und immer noch liegen Truppentransporter am Kai.

Etwa 13 000 bis 15 000 Russen sind im Augenblick noch auf Kuba. Rund 10 000 von ihnen haben rein militärische Aufgaben, die übrigen sind Zivilisten: Techniker, Landwirtschaftsexperten, Berater. Auch das sowjetische Militärpersonal hat meist beratende Funktionen – ähnlich wie die amerikanischen Militärmissionen in anderen Ländern. Die Russen bringen den Kubanern bei, wie man die MIG-Jäger fliegt und wartet, wie man mit Panzern, schweren Geschützen und anderen modernen konventionellen Waffen umgeht. Auch in der Radartechnik und im Gebrauch der „Verteidigungsraketen“ – die zur Flugzeugabwehr und zur Bekämpfung von Schiffen eingesetzt werden können – werden die Kubaner unterwiesen. Leute aus den Ostblockstaaten erzählten mir, die amerikanische U-2-Aufklärungsmaschine, die in den Tagen der Kuba-Krise abgeschossen wurde, sei von einer von Sowjets bedienten Rakete heruntergeholt worden – sozusagen als Beruhigungspille für die ungeduldigen Kubaner.

Auf jeden Fall haben die Russen dafür gesorgt, daß Kuba jetzt über die am besten ausgerüstete und ausgebildete Armee in ganz Lateinamerika verfügt. Sie haben Kuba zu einer Inselfestung gemacht, die selbst eine gut bewaffnete, starke Invasionstruppe nur unter sehr schweren Verlusten erobern könnte. Daran ändert auch nichts, daß jetzt ein Teil der Sowjettruppen zurückgezogen wird. Die meisten Heimkehrer gehören zu jenem Kontingent, das für Langstreckenraketen und IL-28-Bomber zuständig war – für jene Offensivwaffen, die nach der Krise im Herbst abgebaut wurden.