Englische Politikerfrauen zwischen Tees und Wahlreden

Von Virginia Makins

Die Frauen der englischen Politiker werden in London zuweilen mit der trübseligen Bezeichnung St. Stephens Widows bedacht: Sie sind die Witwen von St. Stephen, jener Kapelle in Westminster, in der das Unterhaus vor Jahrhunderten seine Sitzungen abzuhalten pflegte. Ihr Witwentum rührt von den kuriosen Bräuchen des englischen parlamentarischen Lebens her, das sich mit sanfter Verachtung gegenüber allen normalen Vorstellungen von Arbeitszeit, Familienleben oder gesellschaftlichen Pflichten entwickelt hat.

Diese Bräuche haben sich in jener geruhsamen Zeit herausgebildet, da sich das Parlament noch nach Herrenart und Klubmanier ein paar Stunden nach dem Lunch traf. Nicht von ungefähr wird ja das Unterhaus auch „der erlauchteste Klub Europas“ genannt. Die Frauen hören solches Lob freilich nicht gern; in ihren Augen klingt es ominös. Sie wissen zu gut, was ein vornehmer Londoner Klub ist: eine rein männliche Festung, ursprünglich erfunden als eine Stätte, wo man der Langeweile des Familienlebens entrinnen konnte.

Noch heute beginnt das Unterhaus seine Sitzungen erst nach dem Lunch, und sie dauern gewöhnlich bis spät in die Nacht. Wichtige Abstimmungen fallen meistens gerade in die Zeit des Abendessens. Auch wenn ein Abgeordneter es geschafft hat, sich früher davonzustehlen – wenn das Telephon klingelt, muß er alles stehen und liegen lassen, ins Parlamentsgebäude nach Westminster hasten und seine Stimme nach einem malerischen, aber unnötig zeitraubenden Hammelsprung-System abgeben. Und was die Vormittage angeht – sie vergehen mit endlosen Ausschußsitzungen und viel Papierkrieg.

Junior-Partner

Alles in allem: Es ist kein wahres Vergnügen für die Ehefrauen. Während das Parlament tagt, sind sie ohne Frage „Witwen“. Soweit sie sich politisch betätigen, sind sie ziemlich auf sich allein gestellt. So sind sie denn auch weniger die Gehilfinnen oder Gastgeberinnen ihrer Ehemänner als vielmehr ihre „Junior-Partner“ im politischen Geschäft: Sie erledigen die kleineren Verpflichtungen, damit ihre Männer den Kopf frei haben für größere Taten.