Von Ludwig Marcuse

Die vier deutschen Heine-Bilder, die ein Jahrhundert am Leben waren, sind Historie. Niemand interessiert sich mehr für den einst so gehaßten Rassefremden, der von Treitschke und Richard Wagner bis zu Barth und dem Stürmer immer grausliger wurde. Nur noch marxistische Hinterwäldler zelebrieren am Altar des Partei-Heiligen das Ritual: „Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme.“ Man verspottet nicht einmal mehr den sentimentalen Poeten ebenso unglücklich wie kokett Liebender. Und auch Karl Kraus’ Pamphlet gegen den Feuilletonisten ist kaum noch halbwahr, seitdem dieser Feuilletonismus ein Schimpfwort derer geworden ist, die auf höchster (oder weniger hoher) Ebene – nicht schreiben können.

In der Gegenwart ist Heine nicht mehr umstritten: weder geliebt noch angefeindet; ein Klassiker, der den Anschluß zur Kanonisierung verpaßt hat. In wie wenigen Lesebüchern stehen seine Gedichte – und welche? In wie wenigen Kollegs und Seminaren nach 1945 ist Heine ein zentrales Thema gewesen – und war er dort mehr als Vorwand für eine Betätigung in Struktur-Analyse?

Heine ist unaktuell, obwohl er heutiger ist als die meisten Lebenden: in der Problematik seiner überirdischen Sensualität, in seiner atheistischen Frömmigkeit, im sehnsüchtigen Realismus; vor allem auch in seinem Hin und Her zwischen Elfenbeinturm und Front, in seiner Abwehr sowohl des wuchernden Juste-milieu als der „Doktoren der Revolution“, der Marx und Genossen, die er in Abneigung bewunderte, und des ungewaschenen Proletariats, das erwiderwillig besang. Dies Bild des Mannes zwischen Gestern und Morgen hat nie gelebt. Deshalb bleiben die vielen Detail-Studien nichts als das; werden nicht, wozu sie da sind, Verdeutlichungen einer Jahrhundert-Figur.

Mit dieser Funktionslosigkeit hängt auch zusammen, daß die Spezial-Arbeiten um so besser sind, je begrenzter ihre Thematik ist. Das zeigt das

„Heine Jahrbuch 1963“, herausgegeben vom Heine Archiv, Düsseldorf; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 106 S., 12,– DM.

Es enthält, zum Beispiel, eine gute Einführung in Heines „Englische Fragmente“ (von Gerhard Weiss) und eine sorgfältige Untersuchung der Original-Manuskripte des letzten größeren Prosawerks, der „Geständnisse“ (von Eberhard Galley). Wenig fruchtbar hingegen fand ich die Arbeit „Heinrich Heine als Lyriker des Übergangs“; kein spezielles Thema mehr, seine Behandlung setzt bereits eine scharf umrissene Vorstellung vom Dichter voraus. Wendungen wie „sehr bewußt gebaut und kunstvoll gegliedert“ leisten nichts für die Erfassung eines Gedichts. Wo kein eindeutiges Leitbild da ist, das umfangreichen, anspruchsvollen Themen die Richtung weist, münden Arbeiten wie „Heine als Pessimist“ (Schopenhauer Jahrbuch 1962) in Lyrismen: „Eine dunkle Wolke mit strahlenden Rändern, in denen die ferne Sonne erglänzt.“