Von Carl J. Burckhardt

Die täglichen Aufzeichnungen des Kriegsgeschehens, das „Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht“, hat der Göttinger Historiker Percy E. Schramm – der es von 1943 bis zum Kriegsende selbst geführt hat – in vier Bänden herausgegeben. Seit kurzem liegt nun unter dem Titel „Die Niederlage 1945“ auch eine dem vierten Band entnommene Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlages vor. In knappste Form gefaßte Tatsachen erhellen hier mit schneidender Schärfe eine der vollständigsten Niederlagen der Weltgeschichte. Neben den Lageberichten und Dokumenten enthält die Publikation auch einen Kommentar des Herausgebers.

Die Generationen des zwanzigsten Jahrhunderts standen sukzessive in vielfältiger Weise unter dem Zwang eines mißverstandenen Hegeischen Denkens. Was für die Griechen die ananke, der gezwungene Zwang war, wurde für sie „die Geschichte“ als eine aus der radikalen Historisierung des Hegeischen Systems sich in der Zeit erfüllende, selbstschöpferische Macht.

Adolf Hitler pflegte in verschwommener Weise von der „Vorsehung“ zu reden, wobei er zu unser aller Unheil glaubte, von dieser „Vorsehung“ auserkoren und bevollmächtigt zu sein. Dies verlieh ihm die vermeintliche „schlafwandlerische Sicherheit“ des von einer außermenschlichen Instanz Beauftragten. Unter der Suggestion dieser Zwangsvorstellung vermochte er Politik, Strategie, ja Taktik den in diesen Künsten Erfahrenen aus der Hand zu reißen, hat er ein Können, das auf Menschenverstand und Erfahrung basiert, durch seine „Eingebung“ ersetzt.

Einfälle fern von des Gedankens Blässe, frei von jeder hemmenden Kritik pflegen bei der Sorte von Diktatoren, der auch Hitler angehört, eine Anfangsgeschwindigkeit zu erreichen, die zunächst alle äußeren Widerstände durchschlägt und alle Regeln über den Haufen wirft. Mit solchen „Führern“ werden die in ihren Machtbereich gelockten Scharen auf Kosten anderer immer berauschende Anfangs- und Scheinerfolge erleben. Bis der nach mathematischer Regel sich verstärkende Gegendruck der überrumpelten „anderen“ die tragende Akzeleration lähmt, diese daraufhin ihren Schub einbüßt und die Fallkurve einsetzt, die dann schließlich zum vertikalen Sturz wird. Alle, die nolens volens solch meteorhaften Führern anhingen, werden dann mit in den unvermeidlichen Untergang gerissen.

Der Inhalt dieses für den mit Vorstellungsvermögen begabten Leser so aufregenden Kriegstagebuches ist erfüllt von Hitlers Gegenwart. Von ihm gehen alle Befehle aus. „Er hat den Krieg entfesselt... Er hat ihn tatsächlich geführt.“ Diese Feststellung von Generaloberst Jodl findet sich in einer anderen Publikation Schramms, „Hitler als militärischer Führer“, zitiert.

Wenn man in der Taschenausgabe das Datum des Neujahrstages, 1945 aufschlägt, liest man: „Die Heeresgruppe sieht die dritte kurländische Schlacht als überstanden an und vermutet, daß die feindlichen Verbände schwer gelitten haben.“ Deutlich erblickt man hinter dieser Feststellung den, die Einwände seiner Generäle jähzornig überhörenden „Führer“, der, während sich das kommunistische „Lubliner Komitee“ zur provisorischen Regierung Polens erklärt und die ungarische Gegenregierung in Moskau den Waffenstillstand unterzeichnet, große Streitkräfte, die für den Schutz der Heimat dringend notwendig wären, im Baltikum festhält.