Von Arthur G. Bauer

Daß der Mond unbewohnt ist“, sagt Lichtenberg, „wissen wir etwa mit der Sicherheit, mit der wir wissen, wer unser Vater ist. Keineswegs aber mit der Sicherheit, mit der wir wissen, wer unsere Mutter ist.“

Sicherheit, Gewißheit und Ordnung werden heute mehr denn je nicht nur herbeigewünscht, sondern auch in die Welt hineininterpretiert. Die moderne Wissenschaft jedoch muß zunehmend auf Gewißheitserlebnisse verzichten.

Der Wunsch nach Sicherheit zeigt sich auch in der Haltung des Durchschnittsmenschen zu den Ergebnissen der Naturwissenschaften. Groß ist die Enttäuschung, wenn der Arzt dem Patienten nicht sofort eine genaue Diagnose stellen kann. Von der Physik erfährt der gebildete Laie, daß sich z. B. über den künftigen Zustand eines mikrophysikalischen Systems „nur“ Wahrscheinlichkeitsaussagen machen lassen, und dieses nur steht für ihn ohne Anführungsstriche.

Zu einer grotesken Umkehrung dieser Haltung kommt es, wenn die Arbeiten der Psychologie und der empirischen Sozial Wissenschaften zur Debatte stehen. Hier fühlt sich jeder urteilsfähig. An nichts erklärenden, ganzheitlichen „Definitionen“ der „Natur“ des Menschen wird zäh festgehalten, denn zur Tradition gewordene Gewißheiten könnten durch zusätzliche Informationen zerstört werden. Ein Haupteinwand gegen die Arbeit der empirischen Sozialforschung ist der Hinweis auf die Kompliziertheit ihrer Probleme. Gemeint ist damit die große Zahl der Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Daß dieser Umstand aber es erlaubt, die ungewöhnlich erfolgreichen Methoden der Statistik einzusetzen, verstärkt nur die Abwehr. Wer versteht sich schon gern als Teil einer statistischen Masse. Wie wenig Sicherheit gibt eine selbst an Gewißheit grenzende Voraussage über das Schicksal einer Gruppe oder Gesellschaft dem einzelnen.

Jede menschliche Entscheidung ist durch Ungewißheit belastet. Sie verlangt Urteile und Voraussagen ohne vollständige Information. Extrem klein ist die Information beim Glücksspiel. Der Druck der Ungewißheit veranlaßt oft auch intelligente und gebildete Spieler zu einem Verhalten, das man als ein Bündel von Magie, Vorurteilen und Scheinberechnungen bezeichnen muß. Solange es Menschen gab, betrachteten sie sich als Mittelpunkt der Welt. Noch immer haben wir die Neigung, die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses nach seiner Wünschbarkeit zu beurteilen.

Die Versuche einer magischen Einflußnahme auf Kugel, Würfel oder Karten sind Legion. Hier aber interessiert uns das pseudorationale Verhalten der Rechner und Spielprofessoren, die vor allem am Roulette immer anzutreffen sind. In seiner Frühzeit war das Roulette ein mathematisches Spielzeug. Pascal hatte es immer in seinem Zimmer und soll damit bei seiner Arbeit an der Wahrscheinlichkeitsrechnung experimentiert haben. So glauben sich die Glückszwinger in guter Gesellschaft.