Das Zweite Fernsehen wirft seine Schatten voraus: Beim Ersten beginnt man von Woche zu Woche mehr zu mauern, der neuen Konkurrenz soll ein Hinterhalt gelegt werden..Wenn man dort noch tapsig die ersten Schritte macht, wollen die bestehenden Anstalten mit einem glanzvollen Programm alles neben ihnen ausstechen.

Der Fernseher zahlt’s vorläufig mit Langeweile. Immer mehr Bagatellen im Programm, immer rücksichtsloser werden die Wiederholungen vom-Ersten ins Zweite und vom Zweiten ins Erste geschoben, vorige Woche allein am Freitag, im Ersten Programm Bergers Komödie und im Zweiten Falladas Tragödie als Wiederholung. Es wird Zeit, daß Mainz mit den Sendungen beginnt, schon damit die Leute aus Hamburg oder Köln nicht alles Gute in den Vorratskorb legen.

Denn auch sonst gab es in der vergangenen Woche nichts sonderlich Sehenswertes. Die „Große Schmährede“ von Tankred Dorst stellt Poesie auf sehr kunstgewerbliche Weise her, und Reinhard Raffalts Konklave-Schauspiel „Der Nachfolger“ ärgerte nicht nur der fernsehungeschickten Übertragung wegen, mit der diese Aufführung aus den „Münchner Kammerspielen“ präsentiert wurde.

Die Gruppierungen innerhalb der Kardinalsversammlung waren mit solcher Akkuratesse geboten, daß die mit altmodischer Psychologie lehrhaft gezeichneten Figuren darüber schon uninteressant wurden. Die Angelegenheit, voller Anspiellungen auf das letzte Konklave, schematisierte Menschen wie Probleme, und so war das Thema des Abends das einzig Nachdenkenswerte. Mit „Stellvertreter“ und „Nachfolger“ halten Personen auf einer Bühne Einzug, die sich sonst dem Zeitstückhaften sperrt: Der Vatikan ist der Exerzierplatz der Gegenwartsdramatiker.

So bleibt aus einer ganzen Fernsehwoche eigentlich nur der Schnitzler übrig, den Helmut Krapp nach einer Erzählung des Wieners für die Bühne geschrieben hatte: „Spiel im Morgengrauen“. Bei Schnitzler verhält es sich ähnlich wie bei Tschechow: Noch durch das Medium von Bearbeitern hindurch bleibt der Griff eines Mannes spürbar, der mit zwei Dialogfetzen einen unverwechselbaren Menschen zu geben verstand. Schon dies unterscheidet ihn von Dorst und Raffalt.

lupus