Jetzt, wo alle, die ihn einst gepriesen, über ihn herfallen; jetzt, da sie ihn alle verlassen, da niemand sich jetzt, noch ein gutes Wort über ihn zu verlieren, da es fast schon gewagt erscheint, irgend etwas an ihm – sagen wir seine Rüstigkeit – zu loben, jetzt stehe ich an seiner Seite. Das bin ich ihm einfach schuldig, unserem Seite. ler.

Wirklich, ich weiß gar nicht, was los ist: Auf einmal, wie auf Verabredung, sind sie alle gegen ihn, und selbst seine Getreuesten hat man schon die Stirn runzeln sehen, wenn auch nicht gerade in seiner Nähe. Die Adenauer-Gegner der letzten Stunde finden mit einmal, er sei zu alt für dieses Amt und darum soll er spätestens am 1. Oktober zurücktreten. Also: entweder war er schon immer zu alt, um Bundeskanzler zu sein, oder er ist es auch am 2. Oktober nicht. Das ist meine Meinung dazu. Schließlich haben wir doch alle Konrad Adenauer gewählt, damit alles beim alten bleibt und keine Experimente unternommen werden. Wenn es darum geht, daß sich auch weiterhin nichts ändern soll, dann wüßte ich keinen geeigneteren Bundeskanzler als Adenauer. Nachher kriegen wir noch einen Nachfolger, der auf die Idee kommt, so etwas wie eine Ostpolitik zu betreiben. Oder noch Schlimmeres.

Jetzt wirft man dem Kanzler vor, er habe keine eigenen Ideen. Aber das hat doch gerade Millionen von Menschen, die auch Angst vor neuen Ideen haben, in sein Lager geführt. Oder nehmen wir einmal jene Leute, die da meinen, der Kanzler habe nicht alle Chancen für die Wiedervereinigung bis zum letzten ausgeschöpft. Was für ein Argument! Natürlich hat das der Kanzler nicht getan. Schließlich waren wir doch alle dafür, daß wir eine starke Bundeswehr aufbauen und ganz in den Westen integriert werden.

Wäre das nicht geschehen, dann wären die Russen – sie sind ja so unberechenbar! – vielleicht wirklich auf die Idee gekommen, uns die Wiedervereinigung zuzugestehen. Das aber hätte uns in Teufelsküche gebracht. Erstens hätten wir alle einen fürchterlichen Schreck bekommen – denn wer von uns hat sich die Wiedervereinigung in Wirklichkeit vorstellen können und wäre darauf vorbereitet gewesen? Und dann: was wäre dann aus Europa geworden, aus der Integration, aus der Bundeswehr? Wie hätten wir Amerika – schließlich beruht doch seine ganze Strategie darauf, daß wir nicht wiedervereinigt werden – jemals wieder vor Augen treten können, wo wir doch sein treuester Alliierter sind? Und was wäre aus der ganzen Aussöhnung mit Frankreich geworden, dem Eckpfeiler der Kanzler-Politik?

Überhaupt: der Kanzler und Frankreich! Jetzt nehmen es ihm die Leute sogar schon übel, daß er uns mit Frankreich versöhnt hat und das mehrfach und gleich für immerdar. Vierhundert Jahre lang haben wir uns mit Frankreich bekriegt. Und nun haben der Kanzler und de Gaulle beschlossen, daß der letzte Krieg der letzte war, und unser Regierungschef ist sogar vom französischen Staatsoberhaupt geküßt worden – was noch keinem deutschen Staatsmann vor ihm passiert ist!

Und wenn da manche Leute die Hände ringen und meinen, dafür sei aber England von der EWG ferngehalten worden, so möchte ich dem entgegenhalten: Das ist mal ein Fall, wo der Kanzler kein doppeltes Spiel gespielt hat. Aus seiner Abneigung gegen England hat Adenauer nie ein Hehl gemacht. Die war genauso bekannt wie seine Antipathie gegen Erhard. Oder sein Desinteresse an Berlin. Oder sein schmächtiger Wortschatz. Mein Gott, als Kanzler ist der Kanzler doch nie anders gewesen. Was hat er denn getan, daß es mit ihm vom 2. Oktober an nicht mehr gehen sollte? Er hat doch gar nichts getan.

Und vergessen wir dabei nicht die menschliche Seite. Was soll er denn ab 1. Oktober tun? Adenauer ist kein Lebensgenießer wie Churchill. Mir fehlt es einfach an Phantasie, mir Adenauer im Mittelmeer auf einer Onassis-Jacht vorzustellen, wie er in einer Hand ein Whiskyglas hält und mit der anderen die Callas im Nacken krault. Ich möchte auch noch warnend auf die medizinische Seite der Angelegenheit hinweisen. Jeder Am weiß, welche Folgen das haben kann, wenn ein Marathonläufer von einem Tag auf den anderen aufhört, lange Strecken zu laufen ...!

Aus all diesen Gründen bin ich dafür, daß Konrad Adenauer unser Kanzler bleibt, zumindest auf Lebenszeit. Schlechter kann es doch gar nicht werden.